Diese sind für das Hauptgebäude aufgespart. Das letztere steht in der Mitte jener Erhebung, bildet ein Quadrat von 186 Fuss Seitenlänge, dessen vier Ecken (in der Ausdehnung von 33 Fuss) abgeschnitten sind, so dass die vier ganz gleichen Hauptflächen von je 120 Fuss durch schmalere Eckflächen von 66 Fuss in einander übergehen. Die sehr gefällige Hauptkuppel stellt zwei Drittel einer Kugelfläche dar, misst 58 Fuss im Durchmesser und 80 Fuss in der Höhe und geht durch eine zierlich gerippte, unten gezähnte Spitze in einen metallenen Aufsatz über, der (244 Fuss über dem Boden) den Halbmond trägt. Die Höhe des Gebäudes bis zum Scheitel des Domes misst 220 Fuss, die der Thürme 134 Fuss.

Jede der vier Hauptflächen besteht aus einem mittleren und zwei seitlichen Abschnitten. Der erstere ist höher, rechteckig, von zwei ganz schlanken, durch fünf Knoten gegliederten, mit Wellenstreifen geschmückten Minarets eingesäumt, und umrahmt den hohen Spitzbogen, über dem der Rest der Fläche bis zur rechteckigen Pfoste mit eingelegtem, blumigem Schmuck von höchst anmuthigen Farben und Verhältnissen geziert ist. Jaspis, Korallen, Agat, Blutstein, Lapis Lazuli, Onyx, Türkis (und sogar edle Steine) sind zu dieser eingelegten Arbeit verwendet, welche Ranken, Sträusse, Gewinde von Blumen darstellt. Obwohl diese Kunstform aus Italien durch Europäer nach Indien eingeführt sein soll,[523] so beweisen doch diese Verzierungen an der Taj einen hohen Grad von Geschmack und Kunst bei den indischen Baumeistern dieser Zeit; und, wenn sie auch mit den Metopen und Friesen der griechischen Tempel nicht verglichen werden können, so nehmen sie in der rein verzierenden Baukunst mit die erste Stelle ein.

Um die dreiseitige Pfoste ist noch ein breiter Streif von weissem Marmor mit eingelegten schwarzen, äusserst zierlichen, arabischen Buchstaben (Koran-Sprüchen) herum gelegt. Die beiden seitlichen Abschnitte der Hauptfläche enthalten, zweistöckig über einander, zwei kleinere offene Spitzbogen, über jedem ein Feld mit eingelegter Blumenverzierung.

Die Schrägflächen sind wie die seitlichen gestaltet und von kleineren Schlankthürmen eingefasst. Ueber jeder der vier abgeschrägten Ecken steht ein kleiner Dom. Die Grössenverhältnisse der einzelnen Glieder und die Vertheilung des Schmuckes machen einen äusserst gefälligen Eindruck.

Wenn man in einen der vier Haupteingänge eintritt, so wird das Auge gefesselt durch höchst geschmackvolle Blumen (Tulpen, Lilien, Oleander), die in erhabener Arbeit an dem unteren Theile der marmornen Seitenwände des Spitzbogens angebracht sind, wie auch im Innern. Aber wunderbar ist die grosse achteckige Kuppel-Halle, 70 Fuss weit, 120 Fuss hoch. Das Licht wird lediglich durch doppelte Gitter von durchbrochener Marmorarbeit, eines an der Aussen-, eines an der Innenfläche der Mauern, hineingelassen: bei uns würde dies, sagt Fergusson, vollständige Dunkelheit bedingen; aber in Indien und in diesem weissen Marmortempel war es das richtige Mittel, um den blendenden Glanz des Himmelslichtes so weit zu dämpfen, dass man die Wunderwerke drinnen bequem betrachten kann. Die Wände der Halle sind wieder mit den zartesten Blumenranken eingelegt, um gewissermassen die blumigen Lauben des Koran-Paradieses darzustellen. Ein achteckiger Schrein aus durchbrochener Marmorarbeit, die Pfosten mit eingelegtem Blumenschmuck, umgiebt die beiden Leersärge aus Marmor. Nach dem Willen des kaiserlichen Erbauers steht in der Mitte der Grabstein der so tief betrauerten Gattin, seitlich daneben der des Kaisers selber, um einige Zoll höher als der erste, damit neben der romantischen Liebe, die, wie man sieht, an keine Zeit und keinen Ort gebunden ist, auch die Weltanschauung des Mohammedaners ihren gesetzmässigen Ausdruck finde.

Genau unter den Grabsteinen der Halle liegen in einem Gewölbe die einfacheren Steine, unter denen die Leichen ruhen, noch heute bewacht von Priestern beim Lampenschimmer und verehrt von den Einheimischen, seien es Mohammedaner, Hindu oder Parsi. In ganzen Zügen kommen sie, zum Theil aus entfernten Gegenden, und sind in ihrer feierlichen Andacht weit würdevoller, als eine plauderhafte, englische Gesellschaft, deren Damen schliesslich, um das vom Reisebuch gerühmte Echo zu erproben, in der Halle ihren nicht begehrten Gesang erschallen lassen.

Ueber dem Bogen des Eingangs steht der Vers des Koran: „Die da reinen Herzens sind, werden eintreten in den Garten Gottes.“ Die zierlichen arabischen Buchstaben auf dem Grabstein der Kaiserin besagen: „Hier liegt Mumtaz-i-Mahal. Gott allein ist mächtig.“

Die Inschrift, welche die Wände der Halle schmückt, zählt erst alle Titel des Kaisers auf und bringt dann einen Vers aus den „Ueberlieferungen“: „Es sagt Jesus,[524] Friede sei mit ihm: Diese Welt ist eine Brücke. Geh’ hinüber, aber baue nicht darauf. Diese Welt ist eine Stunde. Verwende ihre Minuten zu deinen Gebeten. Was kommt, kannst du nicht schauen.“

Man muss rings um das Gebäude herumwandern, von der Südfläche, die auf den Garten schaut, nach der Nordfläche, die über dem Fluss emporsteigt und den mächtigen Unterbau des Ganzen zeigt, zu den beiden seitlichen abgetrennten Flügelgebäuden in rothem Sandstein, von denen das eine eine wirkliche Moschee ist, das andere die Form einer solchen zeigt; erst zum Kuppeldach, dann auf einen der vier Minarets emporklimmen, um von oben eine Uebersicht zu gewinnen. Wenn man dann nach stundenlangem Verweilen endlich sich losreisst, ist der letzte Gedanken: „Auf baldiges Wiedersehen am morgigen Tage.“

Die Taj erfreut uns durch die Vollendung sowohl ihrer ebenmässigen Gliederung als auch ihrer kleinsten Theile. „Der Entwurf ist von einem Titanen, die Ausführung von einem Goldschmied.“ Leider stammt dieser Spruch von demselben Bischof Heber, dessen Ansichten über die Bauwerke von Lucknow wir nicht beizupflichten vermochten. Die Wirkung, welche die Taj auf den Beschauer hervorbringt, ist sehr verschieden nach der Besonderheit des letzteren. Gefühlsschwärmer werden zu Thränen gerührt, — oder, wie Sir Edwin Arnolds, zu wässrigen Gedichten. Vernünftige, urtheilsfähige Männer, die schon viel Schönes gesehen, wie z. B. Prinz Waldemar, Meister Hildebrandt, Prof. Reuleaux, sind entzückt und gehoben. Aber der Vollständigkeit halber will ich doch erwähnen, dass auch andere Urtheile gefällt worden sind. Graf Lanckoroński, ein Künstler, findet, dass die Taj anmuthig und regelmässig sei, jedoch wegen ihrer äusserlichen Vollkommenheit unser Innerstes nicht aufrege. — Drei Dinge sind öfters an der Taj getadelt worden: die Härte der Umrisslinien, der Mangel an Schatten und der farbige Schmuck.