Nicht weit (nach Süden) von der Moschee, welche ungefähr die Mitte der Veste einnimmt, befindet sich der (570×300′) grosse Waffenplatz (Armoury square), wo einst die Ritter des Grossmogul im Turnier sich tummelten, jetzt unbrauchbare, aber den Einheimischen vielleicht Ehrfurcht einflössende Kanonen und Mörser in langen, nüchternen Reihen liegen;[527] und, nahe der Südwestecke, das Grabdenkmal des Herrn Colin, Lieutnant-General der Nordwest-Provinzen, der hier am 9. September 1857 während des Meuterkrieges verstorben ist. Leider ist das Denkmal in — gothischem Styl!
Der Hintergrund des Platzes nach Osten, d. h. gegen die Jumna zu, wird von Schah Jahan’s öffentlicher Audienz-Halle (Diwan-i-Am[528]) eingenommen. Das Gebäude läuft von Norden nach Süden in der Ausdehnung von 201 Fuss. Die eigentliche Halle hat eine Länge von 192 und eine Breite von 64 Fuss. Sie besteht aus drei Schiffen von je neun Abtheilungen und ist offen an drei Seiten. Das platte, mit zwei Kuppelthürmchen geschmückte Dach wird durch anmuthige Pfeiler aus rothem Sandstein getragen.
An der Hinterwand sind Gitter, aus welchen die Schönen, selber ungesehen, die Ritter in der Halle betrachten konnten, und in der Mitte ein erhöhter Sitz aus weissem Marmor mit eingelegter Arbeit. Hier war es, wo, nach älteren Reisebeschreibungen, Aurangzeb thronte und die Verwaltung der Gerechtigkeit überwachte. Hier hat der Prinz von Wales 1876 einen öffentlichen Empfang (Durbar) der eingeborenen Fürsten und Edlen abgehalten.
Durch eine schmale Thür hinter dem Alkoven gelangt man in den Rest des prächtigsten Gebäudes aus der Mogul-Zeit, in den Palast von Schah Jahan.
Hinter der Audienzhalle liegt Machchi Bawan, der Fisch-Teich, und nördlich davon die Edelstein-Moschee (Naginah Musjid), die Privatkapelle der Damen des Hofes.
Rings um den Fisch-Teich läuft eine zweistöckige Säulenhalle; nur an der Flussseite ist sie einstöckig, aber verbreitert, und oben mit einer geräumigen Terrasse versehen, auf welcher der schwarze Thron steht und die Privat-Audienzhalle (Diwan-i-Khas). Das ist ein Wunder von Schönheit, eine bedeckte spitzbogige Marmorhalle, 64 Fuss lang, 34 Fuss breit, 22 Fuss hoch, mit feinstem Schmuck in flachem Marmorrelief und eingelegten Steinen. In ganz Indien ist nichts Schöneres der Art zu sehen. Lord Northbroke hat auf seine Kosten ausbessern lassen, was britische Vandalen hier zerstört hatten.
In dieser Halle und auf jenem Thron sass der Kaiser Jahan und liess seinen Blick schweifen über den Fluss und die Gärten und Paläste der beiden Ufer. Von dieser Terrasse aus konnte man auch in Sicherheit auf die Kämpfe zwischen Elephant und Tiger herabblicken, die in der Tiefe am Fluss-Ufer von statten gingen, sowie auf die Wettfahrten der Ruderböte. In einem nahe gelegenen Pavillon ist Schah Jahan gestorben, sein letzter Blick noch suchte die Taj.
Von der Privat-Audienzhalle führte eine Treppe zum Wohnsitz der Kaiserin. Ein wundervoller zweistöckiger Pavillon (Saman Burj oder Jasmin-Thurm) mit durchbrochenem Marmorwerk in feinster Arbeit, der auf einer mächtigen Bastion unmittelbar am Fluss-Ufer ruht, ist noch erhalten; sowie ein feenhaftes Badehaus (Shish Mahal = Spiegel-Palast) mit Springbrunnen und eine offene Halle mit reichstem Schmuck (Khas Mahal).
Auf dem höchsten Punkt der Veste von Agra stand einst der Palast von Sher Schah oder seinem Sohne Selim. Fergusson sah noch einen Rest davon, ein bewundrungswürdiges Stück der verzierenden Kunst. Aber die gegenwärtige britische Regierung hat es fortgenommen und ein Vorrathshaus dort hingebaut, das in seiner weiss gewaschenen Hässlichkeit über die Marmorpaläste der Mogul fortblickt, — nach Fergusson ein sprechendes Beispiel, um den Geschmack der beiden Rassen zu vergleichen.