Hindu-Tempel sieht man kaum, wohl in der Nähe der Schiffbrücke einige Treppen, die zu dem heiligen Fluss hinabführen.
Die Stadt selbst bietet wenig Sehenswürdigkeiten.
Das Haupterzeugniss des Kunsthandwerks ist eingelegte Marmorarbeit. In den weissen Marmor von Jaipur werden blumenartige Verzierungen aus farbigen Steinen (Cornel, Agat, Jaspis, Chalzedon, Blutstein, Lapis Lazuli u. A.) eingelegt. Teller, Tischplatten, Gefässe, Tafel-Aufsätze und viele andere Gegenstände der Art werden so hergestellt und dem Reisenden in der Vorhalle des Gasthauses, am Eingang der Taj und in den Bazaren angeboten. Es giebt auch eine grosse Werkstätte, wo ein reiches Lager ausliegt, sowie Nachbildungen der Taj aus Alabaster in verschiedenen Grössen und Preisen (von 40 bis 200 Rupien). Aber diese verfehlen des Eindrucks, selbst die grosse, die für Chicago angefertigt worden und für die 1500 Rupien verlangt werden.
Ausser den Marmorarbeiten werden in den Bazaren noch hauptsächlich Gold- und Silberstickereien sowie Schnitzwerke aus Seifenstein dem Fremden angeboten. Das Europäer-Viertel liegt westlich von der Stadt, ist sehr weitläufig gebaut, mit schönen Gärten, und enthält die Baracken, den Gerichtshof, das Colleg, einige Kirchen, einige hübsche Landhäuser und unser Gasthaus.
Delhi.
Die Reisebücher rathen, der Zeitersparniss halber Nachts zu fahren, am folgenden Tag die nächste Stadt zu besichtigen und dann wieder Nachts weiter zu fahren. Mir schien das nicht zweckmässig zu sein. Schlafwagen giebt es nicht in Indien; auf ruhigen Schlaf und Bequemlichkeit ist also nicht mit Sicherheit zu rechnen. Nach schlafloser Nacht fehlt die Frische am Tage, um all’ die zahlreichen Sehenswürdigkeiten genau und aufmerksam zu beobachten. Dazu kommt, dass um die Mitte des December die Nächte in Nord-Indien schon recht kühl sind. (Ich mass am 15. December Vormittags 7½ Uhr +14° im Zimmer, +10° C. in der Vorhalle.)
Ich fahre also am 15. December, Vormittags 10 Uhr, von dem Halteplatz Agra-Fort mit dem Personenzug der East Indian R. über Tundla-Junction nordöstlich nach Delhi. (136 englische Meilen für 13½ Rupien, in sechs Stunden, also ungefähr 36 Kilometer in der Stunde.)
Das Land[529] sieht theilweise recht dürr aus, dann wird es wieder besser, ist aber ganz eben. Bemerkenswerth sind die mächtigen Bewässerungs-Canäle mit Schleusen und Abzweigungen. Lehmhütten mit flachem Dach, wie in Ober-Aegypten, sind die Behausungen der Bauern; doch giebt es auch bessere. Erstaunlich ist die Menge des gefiederten Volkes; grüne Papageien erscheinen in Paaren und in Schwärmen, wilde Pfauen, ernste Marabut.