Um 4 Uhr sind wir in Delhi. Imperial Hotel, das mir am meisten empfohlen war, hat kein ordentliches Zimmer frei; Grand Hotel, wo ich Unterkunft finde, ist schlecht. Der Nachmittag wird einer Fahrt durch die Bazar-Strasse (Chandni Chauk = Silber-Strasse) gewidmet.
Delhi wird als Rom Asien’s bezeichnet. Seine älteste Geschichte ist in tiefes Dunkel gehüllt. Aber die Trümmer, welche vom Süden der jetzigen Stadt in einer Länge von 16 Kilometer und in einer Breite von 5 bis 10 Kilometer sich erstrecken, sind die Ueberbleibsel von sieben verschiedenen Städten, die zu ganz verschiedenen Zeiten errichtet worden sind. Die älteste war Indraprastha. Diese wird schon in dem altindischen Heldengedicht Mahabharata erwähnt. In den Purana, die vom 8. bis 13. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind, wird Yudishthira als erster König der Stadt genannt, dann folgen angeblich 30 Geschlechter seiner Familie; hierauf eine andere, die 500 Jahre herrschte; endlich 24 Herrscher, deren letzter von Vikramaditya 57 v. Chr. besiegt wurde. Zu dieser Zeit erscheint zuerst der Name Delhi,[530] nach dem Fürsten Dilu, der 10 Kilometer stromabwärts von der jetzigen Stadt eine Burg erbaute. 792 Jahre lag die Stadt wüst, dann wurde sie neu bevölkert. (1052 durch Anang Pal II.) Die Kämpfe der Hindu mit einander machte den Mohammedanern die Eroberung leicht. 1011 n. Chr. wurde die Stadt von Mohammed Ghazni eingenommen, 1193 von Mohammed Ghori dauernd erobert. Dank dem geschichtlichen Sinn der Mohammedaner sind wir im Stande, die Reihe von 54 Fürsten aufzuzählen, welche danach zu Delhi geherrscht haben, von 1193 bis 1803, wo die Engländer die Stadt einnahmen. Für die Baugeschichte kommen hauptsächlich in Betracht:
1) Kutbu din (1206 n. Chr.), der Erbauer des grossen Thurmes (Kutb Minar) und der grossen Moschee.
2) Feroz Tughlak (1351–1388), der Erbauer des grossen Canals, welcher, unter Schah Jahan und wiederum neuerdings durch die Engländer wieder hergestellt, als westlicher Jumna-Canal durch die heutige Stadt fliesst.
3) Sher Schah machte 1540 Indrapat zur Festung seiner neuen Stadt und erbaute einen Palast und eine Moschee.
4) 1638 begann Schah Jahan die Festung und den Palast von „Shajahanabad“, dem heutigen Delhi. Dasselbe soll zur Zeit Aurangzeb’s 2 Millionen (?) Einwohner gezählt haben.
Das schrecklichste Unglück befiel die Stadt im Jahre 1739. Am 10. März wurde die persische Besatzung, welche Nadir Schah hineingelegt hatte, vom Volke aufgerieben. Am 11. befahl der Eroberer eine allgemeine Metzelei, die von Sonnenaufgang bis Mittag dauerte und 30000 (nach Anderen gar 200000) Opfer gefordert haben soll. Nadir Schah schleppte eine unermessliche Beute fort, die auf 30 und selbst 70 Millionen £ geschätzt wird, darunter den Pfauen-Thron und Koh-i-nur. 1788 eroberten die Marathen Delhi, 1803 gewannen es die Engländer und behaupteten es bis 1857, obwohl sie dem Nachkommen des Grossmogul erlaubten, König, ja sogar Schah schahi, König der Könige, sich zu nennen.
Am. 10. Mai 1857 brach zu Meerut, dem Hauptwaffenplatz des Nordwestens, 72 Kilometer nordwestlich von Delhi, die Meuterei aus. 58 Sepoy, welche im Arrest sassen, weil sie die neuen Patronen, wegen der Verwendung von Kuh-Talg, zurückgewiesen, wurden von ihren Kameraden befreit. Die Sepoy setzten die Häuser ihrer Officiere in Brand und marschirten nach Delhi. Leider versäumte General Hewitt in Meerut, der europäische Truppen genug zur Verfügung hatte, den Aufstand durch sofortiges Eingreifen zu ersticken. In Delhi vereinigten sich die Meuterer mit den dort befindlichen einheimischen Truppen, erschossen die britischen Officiere, ermordeten die Europäer, welche sie trafen, und setzten sich in Besitz der mit starken Mauern befestigten Stadt und des darin befindlichen Forts.
Erst am 8. Juni langte Sir H. Barnard mit den vereinigten britischen Truppen an, vertrieb die Meuterer von ihren vorgeschobenen Stellungen und besetzte den Bergrücken (Ridge) dicht bei der Nordwest-Ecke von Delhi. Aber die Engländer waren zunächst mehr belagert, als Belagerer. Denn Delhi hatte ausser der begeisterten Bevölkerung 30000 von den Engländern selbst gedrillte Sepoy, 114 Kanonen und reichlichsten Schiessbedarf.
Am 7. August kam General Nicholson mit Verstärkungen an, am 4. September die Belagerungs-Kanonen aus Ferozpur, gezogen von Elephanten, nachdem die ihnen auflauernden Meuterer auf’s Haupt geschlagen worden; am 8. September Richard Lawrence mit weiteren Verstärkungen. Aber zu einer Einschliessung der Stadt von 12½ Kilometer Umfang reichten die 8000 Mann nicht aus. Der Sturm wurde beschlossen. Unter starken Verlusten wurden die schweren Geschütze aufgestellt und das Feuer eröffnet auf die Nordseite der Stadtmauer und ihre drei Bastionen. Am 13. September waren die Breschen genügend. Am 14. wurde der Sturm unternommen, Nicholson war der erste auf dem Wall und fiel an der Spitze seiner Krieger. Die Officiere, welche beauftragt waren, das in der Mitte der Nord-Mauer befindliche Kaschmir-Thor mit Pulver zu sprengen, fielen alle, bis auf einen. Aber der Sturm gelang und nach sechstägigem verzweifeltem Strassenkampf, der auch den Engländern schwere Verluste brachte, war die Stadt genommen, das Rückgrat der Meuterei gebrochen. Am 21. September nahm Hodson, ein Reiteroberst, den alten Mogul-König Bahadur Schah, der während der Meuterei den Namen Kaiser von Indien angenommen, in Humayun’s Grabdenkmal gefangen und am folgenden Tage dessen Söhne; und da das Volk bei Delhi die Wache um die Söhne zu bedrängen schien, so schoss er die Prinzen mit eigener Hand nieder. Der Alte kam vor das Kriegsgericht, wurde schuldig befunden, Aufstand und Mord begünstigt zu haben, aber nicht getödtet, sondern nach Rangoon verbannt, wo er am 7. October 1862 verstorben ist.