Das jetzige Delhi liegt unter 28¼° nördlicher Breite und 252 Meter über dem Meere, an niedrigen Felshügeln auf dem rechten Ufer des Jumna, und zählte 1881 an 173000 Einwohner, darunter 95000 Hindu und 72000 Mohammedaner, die sich nicht gut mit einander vertragen, sondern gelegentlich ihre Kräfte messen. Die Zählung von 1891 ergab für Delhi und Cantonment 192579 Einwohner. Delhi ist heutzutage ein grosser Handelsplatz, dessen Bazar zu den belebtesten im Innern von Indien gehört, und durch Eisenbahnen einerseits mit Calcutta, andererseits mit dem Punjab und der Nordwest-Grenze des Reiches, endlich durch die Rajputana hindurch mit Bombay verbunden.

Am 16. December fahre ich wiederum zur Besichtigung, im Einspänner und mit Führer. Der letztere ist nirgends und niemals überflüssiger gewesen, als hier an diesem Vormittag. Denn in der Festung übernimmt ein britischer Soldat die Führung; in die grosse Moschee wird mein Führer, als Hindu, überhaupt nicht hineingelassen, da seit dem letzten Volksauflauf und Strassenkampf zwischen den beiden eifersüchtigen Religions-Genossenschaften, der erst vor wenigen Jahren stattgefunden, den Hindu der Eintritt in das Gotteshaus der Mohammedaner, laut Anschlag der Behörde, verboten ist. Uebrigens ist das Englisch dieser Führer ausserordentlich mangelhaft: es reicht eben hin, um den Reisenden einzufangen; ist aber ganz ungenügend, Erläuterungen des Gesehenen zu geben.

Von dem westlichen Hauptthor (Lahore Gate) der Stadt Delhi führt die Hauptstrasse (Chandni Chauk) zu einem freien Platz, jenseits dessen die Burg des Kaiser Jahan an dem Ufer des Jumna liegt, ein umwalltes Rechteck von 3200 Fuss Länge von Nord nach Süd und von 1600 Fuss Breite von West nach Ost.

Die zinnenbedeckten Mauern aus rothem Sandstein sind zwar nicht so hoch (40 Fuss), die Thürme nicht so gewaltig, wie in Akbar’s Veste zu Agra; aber dafür sind die grösseren und kleineren Kuppeln und die schlanken Minarets desto gefälliger.

Das westlich gelegene Hauptthor zur Burg (Lahore Gate, jetzt Victoria G. genannt,) ist ein stattliches Gebäude von 140 Fuss Höhe, und die gewölbte Halle von 375 Fuss Länge, durch welche man eintritt, vielleicht die vornehmste Palast-Pforte auf der Erdoberfläche.

Aber wer eingetreten ist, erblickt nicht etwa den herrlichen Palast Schah Jahan’s, der von 1628 bis 1658 erbaut, noch in der Mitte unseres Jahrhunderts vorhanden war, (zwar schlecht gehalten, durch allerhand Hütten verbaut und durch neue Bauwerke verunstaltet, wie unser Prinz Waldemar 1845 gefunden, aber doch immerhin erhalten und von dem Schattenkaiser[531] — bis 1857 — bewohnt,) sondern zunächst nur langweilige, weiss gestrichene Baracken. Was Afghanen und Perser geschont, haben Briten zerstört, und zwar nicht zu einem höheren Zwecke, sondern einfach aus Mangel an Kunstgeschmack.

Fergusson nennt es Vandalismus, aber die Vandalen haben so etwas nie gethan; und auch in der ganzen neueren Geschichte ist nichts Aehnliches vorgekommen. Die massgebenden Rücksichten auf Sicherheit und Vertheidigung kamen gar nicht in Betracht. Kein Gebäude von Schah Jahan brauchte angerührt zu werden, um Raum für die Soldaten zu beschaffen, welche die unbewaffnete Bevölkerung der Stadt Delhi zu überwachen haben; und ein auswärtiger Feind mit Kanonen, der die Stadtmauern nebst ihren Bollwerken bezwungen, könnte in wenigen Stunden die Palast-Mauern niederlegen.

Lediglich, um ohne Mühe und Kosten einen Wall rings um das Barackenlager der Soldaten zu bekommen, damit keiner ohne Urlaub durchschlüpfe, wurde der kostbarste Palast der Erde förmlich ausgeweidet!

Mit der grössten Rücksichtslosigkeit hat man auch geplündert. Ein Capitän Jones liess zwei grosse Stücke von dem eingelegten Marmorthronsitz der öffentlichen Audienzhalle abreissen, brachte sie nach England und — verkaufte sie an die Regierung für 500 £, so dass man sie jetzt wenigstens im Indischen Museum zu London bewundern kann.