In den Tagen des Glanzes führte der Eingang in einen grossen, quadratischen Hof von 350 Fuss Seitenlänge, an dessen Ende die Musik-Halle stand. Darauf folgte ein zweiter Hof mit der öffentlichen Audienz-Halle. Im Norden dieser Gebäude-Reihe von 1600 Fuss Länge lagen die Gast-Räume mit Gärten und der Privat-Audienzhalle. Der ganze Süden, ein Quadrat von 1000 Fuss Länge, war von den Wohngemächern und dem Harem eingenommen. Somit bedeckte der Palast die doppelte Fläche des Escurial oder irgend eines Schlosses in Europa.

Nur spärliche Reste der Pracht sind noch vorhanden:

1) Die öffentliche Audienz-Halle (Diwan-i-Am). Sie ist ähnlich der zu Agra, aber prächtiger; 200 Fuss lang von Nord nach Süd und 100 Fuss breit; an drei Seiten offen. Das Dach wird getragen von drei Reihen von Säulen aus rothem Sandstein, die früher mit Stuck und Vergoldung geschmückt gewesen. Die Säulencapitäle sind nach allen vier Richtungen mit einander durch neunfach getheilte Spitzbogen verbunden. An der Hinterwand steht ein 10 Fuss hoher Marmorthron, der von einem auf vier weissen, leichten Marmorsäulen ruhenden, gewölbten Baldachin überragt wird und der aus den Privatgemächern durch eine Thür zugänglich ist. Die ganze Hinterwand und der Thron-Sitz ist mit Marmor-Mosaik geschmückt. Man sieht Fruchtkörbe, Vögel, kleine Löwen. Es gilt für das Werk von Austin de Bordeaux und hat mir nicht sonderlich gefallen, namentlich im Vergleich mit den prachtvoll eingelegten Blumenranken von Agra. (Uebrigens floh Austin aus Europa zum Hof des Schah, weil er daheim — verschiedene Fürsten mit falschen Edelsteinen betrogen hatte.)

Prinz Waldemar berichtet: „Dieselben Muster, die ich in Florenz sah, fand ich hier wieder; auch sind europäische Vögel, Blumen und Früchte, die man hier gar nicht kennt, dargestellt, und, was das schlagendste ist, ein Orpheus mit der Cither in der Hand, von Thieren umgeben.“

Ein Theil der Platten ist fortgenommen, ein Theil der kostbaren Steine herausgebrochen und gestohlen. Jetzt ist ein eisernes Gitter nach der Halle zu angebracht. Der friedfertige, durchaus nicht beutelustige Reisende wird von hinten her durch den wachthabenden Soldaten hin- und wieder zurückgeleitet.

2) Die Privat-Audienzhalle (Diwan-i-Khas). Es ist eine rechteckige Halle (90×70′), nach allen Seiten offen, nach den breiteren durch fünf gleich grosse, neunfach getheilte Spitzbogen, nach den schmaleren durch drei grosse und zwei kleinere. Die Bogen ruhen auf Pfeilern, das platte Dach ist an den vier Ecken mit säulengetragenen Kuppeln geschmückt. Der ganze Bau ist aus rein weissem Marmor und auf’s geschmackvollste und kostbarste mit eingelegten Steinen und Vergoldung geschmückt. In der Mitte der Halle sieht man die Marmor-Erhöhung, auf welcher einst der berühmte Pfauen-Thron (Takt-i-Taus) gestanden hat.[532] Die Decke war mit Silber belegt. Dies haben die Marathen 1760 mitgenommen und ausgemünzt. Ueber dem Nord- und dem Süd-Bogen der Halle steht der berühmte persische Vers:

Giebt es auf Erden ein Paradies,

So ist es dies, so ist es dies.

In der That dürfte es schwer sein, in irgend einem Palast der Erde einen Bau von gleicher Formvollendung aufzufinden.

3) Ganz nahebei in der gemalten Halle (Rung Mahal), die jetzt von den Officieren als Speise-Raum benutzt wird, ist ein wunderbares Fenster aus durchbrochener Marmor-Arbeit und darüber, eingelegt, die Wage der Gerechtigkeit (Mizan-i-Insaf). Die Blumen, welche die Wand schmücken, sind theils eingelegt, theils mit Schmelzfarben aufgelegt, theils ausgemeisselt.