Die Hauptstrasse von Delhi ist Chandni Chauk, die Silberstrasse. Sie führt von dem westlichen Hauptthor des Palastes zu dem der Stadt (Lahore Gate), ist 1½ Kilometer lang, 74 Fuss breit. Durch den grösseren Theil ihrer Ausdehnung zieht in der Mitte ein von doppelter Baumreihe eingefasster, erhöhter Fussweg, der die erwähnte, den Palast versorgende Wasserleitung bedeckt.
In diese Strasse ist das Gewühl der Käufer und Verkäufer zusammengedrängt. Laden reiht sich an Laden. Durch Zuruf, Gebärden, Geschäftskarten wird der Reisende, mag er zu Fuss gehen oder im Wagen fahren, zum Eintreten aufgefordert. Da sind Gold- und Silberwaaren, allerdings für meinem Geschmack viel zu plump. Vergeblich suchte ich nach einem Halsband für meine Frau. Der Verkäufer langte sein Prachtstück hervor, 2500 Rupien war der Preis. Lächelnd erwiederte ich, dass ich mir so viel Geld nicht eingesteckt. Die Händler in Kaschmir-Tüchern nehmen den Fremden aus dem Laden in das Hauptlager, das eine Treppe hoch nach dem Hof gelegen ist, und breiten unermüdlich ihre Schätze aus. Gold- und Silber-Stickereien gehören zu den einheimischen Erzeugnissen. Herr Tellery, ein Ungar, der ursprünglich vor vielen Jahren als Maschinenbaumeister nach Indien gekommen, erst Sammler von Erzeugnissen der einheimischen Kunsthandwerke, dann Händler und Hersteller, hat seine Hauptwerkstätten in Delhi.
Um Handel und Wandel zu unterstützen, hat die Stadtverwaltung in der Nähe der Hauptstrasse neuerdings ein grossartiges Gasthaus für Einheimische (Mor-Serai) erbaut, das in seinem hübschen morgenländischen Stil die Bauten der Engländer in Indien beschämt.
In der Mitte der Hauptstrasse ist ein misslungener Brunnen (Northfolk fountain), dicht dabei eine kleine Moschee aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, die wegen ihrer drei vergoldeten Dome den Namen der goldnen empfangen. Von hier hat Nadir Schah die Ermordung der unglücklichen Einwohner von Delhi betrachtet.
Von der Hauptstrasse gelangt man auch in die Königlichen Gärten (Queen’s Gardens), die etwas verwahrlost erscheinen. Am Eingang steht ein grosser Elephant aus Stein, der 1645 von Gwalior hierher gebracht worden. In dem Garten steht ein Glockenthurm von 128 Fuss Höhe, und daneben das Museum. Dasselbe enthält eine Sammlung von Erzeugnissen der Kunstindustrie; zunächst aus Delhi eingelegte Metallwaaren, Stickereien, Schnitzereien; sodann aus den andern Hauptorten Indiens, aber auch chinesische Elfenbeinschnitzereien (Riesenschachspiel) und Lampen.
Sehr lehrreich sind verkleinerte Darstellungen der Handwerke und des Ackerbau’s (z. B. der Bewässerung), wie sie hier zu Lande betrieben werden.
Im Nordwesten der Stadt, auf dem Bergrücken, steht ein gothischer Thurm zum Andenken an den Meuter-Kampf (Mutiny Memorial). Nördlich davon in der Ebene liegt der Platz, wo am 1. Januar 1877 die Königin von England als Kaiserin von Indien verkündigt wurde. Lord Lytton hatte alle Fürsten von Indien, die hauptsächlichsten europäischen Beamten und 50000 Soldaten, britische wie einheimische, versammelt und den grössten Prunk entfaltet.
Wer Delhi besitzt, beherrscht Indien, nach der Meinung der Einheimischen. Als die Engländer im Anfang des Jahrhunderts Delhi erobert hatten, begaben sich mehrere Kleinstaaten freiwillig unter ihren Schutz. Als der Meuterkrieg aufloderte, versuchten die Sepoy, den Schattenkönig von Delhi zum Kaiser von Indien zu erheben. Nur in Delhi konnte Königin Victoria als Kaisar-i-Hind ausgerufen werden.
Wenn Delhi, wegen seiner Ruinen, das Rom Asiens genannt wird, so verdient der Weg südwärts nach Kutb Minar als seine appische Strasse bezeichnet zu werden.