Von der Südwestecke der jetzigen Stadt (Ajmir Gate) fährt man südwärts auf gut geebneter Strasse und erblickt zu beiden Seiten zwischen dem ostwärts gelegenen Fluss (Jumna) und dem westwärts gelegenen Höhenzug unzählige Grabmäler; hier und da, dichter aneinander gedrängt, die Ruinen der auf den Gefilden von Alt-Delhi nach einander errichteten sieben Städte, von denen jede folgende die Ueberreste ihrer Vorgängerin Jahrhunderte lang als Steinbruch ausgebeutet hat.
Das erste Gebäude von Bedeutung ist Jai Sing’s Sternwarte, ähnlich der zu Benares, nur mehr zerstört. Der „Fürst der Sonnen-Uhren“ (Samrat Yantra) ist ein Gemäuer von der Form eines rechtwinkligen Dreiecks, dessen Höhe 56, dessen Grundlinie 104 Fuss misst. Demnächst folgt das Grabmal des Safdar Jang, Abu ’l Mansur Khan, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Vezir des Kaisers Ahmed Schah gewesen und, 1749/50 von den afghanischen Rohilla besiegt, so thöricht war, die Marathen um Hilfe zu bitten. Das Grabdenkmal, welches 3 lakh Rupien gekostet, steht auf einer gemauerten Erhöhung, ist ein Quadrat von 100 Fuss Seitenlänge mit 4 Eckthürmen und einem Dom aus rothem Sandstein und — Stuck. Von Weitem sieht es mächtig aus, aber bei näherer Betrachtung schwindet die Bewunderung. Safdar Jang ist der Gründer der Herrscherfamilie von Oudh, deren Stärke im Stuck liegt.
Unterwegs traf ich eine stattliche Abtheilung berittener britischer Artillerie, welche ein Feldlager aufschlug. Pferde und Bespannung schienen mir in vorzüglicher Ordnung, auch die Mannschaften nicht gar so jung wie die meisten britischen Fusssoldaten, die man in Indien antrifft. Aber der Train ist durchaus morgenländisch. Kameele tragen die Zelte, einheimische Diener schlagen dieselben auf, kochen ab für die Herren Soldaten, so dass auf jeden Kämpfer vielleicht zwei Diener kommen. In Friedenszeiten mag das sehr behaglich sein. Für den Ernstfall birgt es grosse Gefahren.
Das Endziel der Ausfahrt, Kutb Minar, liegt 19 Kilometer südlich vom Ajmir-Thor, auf der Stelle, wo die ursprüngliche Hindu-Stadt Dilli einst gestanden. Das mächtige Bauwerk zeigt beim ersten Blick, was es ist und sein soll, ein Denkmal des Sieges der Mohammedaner über die Hindu. Zum Gebet konnte der Mueddin höchstens vom unteren Söller aus die Gläubigen rufen. Wenn Kutab-ud-din[534] (1206 bis 1210) das Werk begonnen, so scheint nach der Buchstabenform der Inschriften doch Altamsh (1211 bis 1236) das Wesentliche desselben vollendet zu haben. Der Führer allerdings erzählt uns ein Volksmärchen, dass der Hindu-König Raj Pithora (1180 n. Chr.) den Thurm gebaut, um von der Spitze aus seine geliebte Tochter zu sehen, wenn sie mit ihrem Gefolge zum Bad im Jumna-Fluss auszog.
Der Thurm ist 240 Fuss hoch. In fünf Stockwerken, die durch vier Söller abgetheilt sind, (in der Höhe von 97, 148, 188, 215 Fuss über dem Boden) verjüngt er sich, von 47 Fuss Durchmesser an der Grundfläche bis auf 9 Fuss an der Spitze,[535] deren Kuppel allerdings abgefallen ist. In Folge der starken Verjüngung erscheint dem nahe stehenden Betrachter die Höhe noch weit bedeutender, als sie wirklich ist. Die drei unteren Stockwerke bestehen aus rothem Sandstein und zeigen an der Oberfläche schön geschmückte Halb-Säulen und Pfeiler; im ersten Stockwerk beide abwechselnd, im zweiten nur Säulen, im dritten nur Pfeiler. Höchst gefällig ist die Abnahme der Höhe und der Dicke der höheren Stockwerke.
Das unterste Stockwerk hat drei, die beiden folgenden je zwei Bänder kufischer Inschriften mit Koran-Versen. Der Honigwabenschmuck unter dem ersten Söller soll von dem der Alhambra nicht merklich verschieden sein. Die beiden obersten Stockwerke sind glatt und mit Marmor belegt.
Kutb Minar gilt für das vollkommenste Bauwerk seiner Art auf der Erdoberfläche. (Der von Giotto erbaute Glockenthurm zu Florenz, der allerdings 30 Fuss höher ist, wird gewissermassen erdrückt von den Massen der benachbarten Kathedrale.)
390 Stufen führen im Innern auf die von einem Geländer umgebene Fläche der Spitze. Gewissenhaft stieg ich empor und fand den engen Raum dicht gedrängt von Einheimischen, die mir höflich, Platz machten. Der Ausblick ist ungemein lohnend; man sieht den Jumna und die heutige Stadt Delhi sowie die zahllosen Ruinen, endlich das zur Zeit recht trockne Land. Ist doch die indische Wüste nicht allzu fern! Der Gegensatz zwischen der dürren Ebene und dem grünen Streifen am Fluss erinnert an die Aussicht von der grossen Pyramide zu Gizeh.
In der Nähe erblickt man die Reste der mächtigen Mauern der Hindu-Festung Lalkot, weiter nach Osten die gewaltigen Ruinen der im Anfang des 14. Jahrhunderts erbauten mohammedanischen Festung Tughlakabad.