Kutb Minar steht neben der Moschee, die Kutab-ud-din unmittelbar nach der Eroberung von Delhi (1191 n. Chr.) begonnen und die Ibn Batuta, der mohammedanische Reisende, 150 Jahre später mit den Worten gepriesen, dass sie weder an Grösse noch an Schönheit ihres Gleichen habe. Ein wunderbarer Spitzbogen des Eingangs steht noch, 53 Fuss hoch, 22 Fuss breit, umrahmt von schöner Inschrift, die ganze Fläche mit blumiger Zierrath bedeckt. Der Hof ist umgeben von ganz und gar geschmückten Säulen, die nach den Inschriften aus 27 heidnischen Tempeln entnommen wurden; es dürften 1200 gewesen sein; die bilderzerstörenden Mohammedaner haben die Figuren an den Säulen zerstört, nur in einzelnen Ecken sieht man noch Jain-Heilige mit gekreuzten Schenkeln. Altamsh (1210–1236) und Alaud-din (1300) haben neue Höfe an und um die früheren gelegt, ähnlich, wie wir das aus altägyptischen Tempeln kennen, und so Kutb Minar mit eingeschlossen.
In dem ursprünglichen Hof steht der Eisenpfeiler, 23 Fuss 8 Zoll hoch, 16 Zoll dick, 6 Tonnen schwer, aus solidem Schmiedeeisen, mit einer Sanskrit-Inschrift aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., welche einen Sieg des Rajah Dhava über das Volk der Vahlikas am Indus feiert. Es ist merkwürdig, dass die Hindu schon damals einen so mächtigen Pfeiler aus Eisen schmieden konnten, wie er selbst heutzutage in Europa nicht häufig hergestellt wird. (Nach Professor Reuleaux’s Untersuchung ist der Pfeiler aus kleinen Eisenstückchen zusammengeschweisst.)
In den äussersten Hof führt Alaud-din’s Thor, ein viereckiges Gebäude aus rothem Sandstein mit Spitzbogen, der von arabischer Inschrift umgeben wird, mit durchbrochener Marmor-Arbeit in den Fenstern und gekrönt von einer flachen Kuppel: wohl das schönste Beispiel des früheren mohammedanischen oder Pathan-Stiles in Indien.
Ausserhalb des Hofes, an seiner Nordwestecke, liegt das Grabmal von Altamsh, das älteste in Indien.
Auf der Rückfahrt von Kutub Minar sah ich, östlich von Safdar Jang’s Denkmal noch die vom Führer so genannte Halle der 64 Säulen, das Grab von Akbar’s Milchbruder. In der Nähe liegt das Grabmal des Dichters Amir Khusran, der 1315 zu Delhi gestorben ist, aber in seinen Liedern noch heute fortlebt; ferner das prachtvolle Marmorgrab des heiligen Nizam-u-din (1652), noch heute von den Nachkommen seiner Schwester gepflegt; und endlich das der Jahanara, der frommen und gehorsamen Tochter des Schah Jahan. Treu pflegte sie ihren Vater in seiner siebenjährigen Gefangenschaft. (1658–1665) und ist 1681 verstorben. Das Grab ist unbedeckt. Die persische Inschrift des Leichensteins enthält die schönen Verse:
Deckt grünen Rasen auf mein Grab, nichts andres mir behagt.
Dies sei das einz’ge Leichentuch der demuthsvollen Magd.
Das Menschengeschlecht ist nur von einer einzigen Art; die indische Prinzessin aus türkischem Stamm hat vor 200 Jahren Worte gewählt, wie sie der romantischen Schule Deutschlands im Anfang unseres Jahrhunderts geläufig waren.
In der Nähe ist ein von dem erwähnten Heiligen geweihter, 40 Fuss tiefer Teich, in dem der Sage nach Niemand ertrinken kann. Nackte Knaben stehen auf dem 40 Fuss hohen Dach des angrenzenden Gebäudes, bereit zum Sprung in das Wasser, wenn man ihnen ein Geschenk zusichert. Doch mochte ich den Heiligen nicht versuchen.
Oestlich und in geringer Entfernung von diesen Stätten liegt das Grabdenkmal von Humayun, der 1556 n. Chr. gestorben ist. Der Bau hat 16 Jahre gedauert und 15 lakh[536] gekostet und ist das älteste Vorbild für die Taj. Auf einer gemauerten Erhebung steht der von einer Marmorkuppel gekrönte, achteckige Mittelbau mit vier achteckigen Thürmen an den Ecken und vier 40 Fuss hohen, spitzbogigen Eingängen, alles aus rothem Sandstein, mit eingelegten Streifen von weissem Marmor geschmückt: im Gebiet der Grossmogul ein Werk zweiten Ranges, an jeder andern Stelle der Erdoberfläche ein Wunderbau. Hier war es, wo nach der Wiedereroberung Delhi’s am 12. September 1857 Hodson den Mogul-König Bahadur Schah gefangen nahm und am nächsten Tage dessen Söhne mit eigener Hand niederschoss.