1,8 Kilometer nördlich von Humayun’s Grab (etwa 3,5 Kilometer südlich von dem Südostthor, Delhi Gate, der heutigen Stadt) liegt Indrapat, eine Veste mit hohen und dicken Mauern, die allerdings von Humayun 1533 ausgebessert sind, aber immerhin an verschiedenen Stellen den Eindruck hohen Alters machen. Eine steile Zufahrt bringt uns an das Südwestthor. Innerhalb der Mauern hat eine ärmliche Hindu-Bevölkerung ihre Hütten aufgeschlagen. Bettelnde Kinder und Frauen umringen nach Zigeuner-Art den Fremdling. Sher Schah’s Moschee vom Jahre 1541 ist eine einfache Halle aus rothem Sandstein, mit Marmor und Schiefer eingelegt, mit hohen Bögen und einem Dom: ein durchaus ebenmässiges Gebäude. In der Nähe steht ein achteckiges Gebäude, die Bücherei von Humayun, der hier, als er den Aufgang des Abendsterns beobachten wollte, die Treppen herabfiel und an den Folgen der Verletzung gestorben ist.
Südlich von den Südmauern der jetzigen Stadt sind die ganz zerfallenen Ruinen von Ferozabad, der Festung, die Feroz Schah Tughlak 1354 erbaut hatte. Auf einem dreistöckigen Gebäude steht der Steinpfeiler (lat) des Königs Asoka (257 v. Chr.), von den Siwalik-Hügeln, wo der Jumna in die Ebene tritt, hierher gebracht: die Inschrift, in Pali, verbietet „zu tödten.“ Zur Zeit von Ferok Schah konnte Niemand dieselbe entziffern.
Jaipur.[537]
Die indische Heilkunde.
Sonnabend, den 17. December, Vormittags 11½ Uhr, fahre ich von Delhi nach Jaipur, wo ich 9½ Uhr Abends ankomme. (Bombay, Baroda and Central India Railway, 191 engl. Meilen = 305 Kilometer, für 15 Rupien. Folglich macht der „Schnellzug“ durchschnittlich nur 30 Kilometer in der Stunde, indem er zwei Mal für längere Zeit hält, in Ulwur über eine Stunde, in Bandikui eine halbe Stunde für das Mittagsessen.)
Ich komme also in die Rajputana, jenes grosse Gebiet im nordwestlichen Indien zwischen den Flüssen Indus und Nerbudda, welches, unter Aufsicht eines englischen Beamten, von zwanzig verschiedenen einheimischen Fürsten regiert wird.[538] Unter den letzteren sind nur zwei Mohammedaner.
Das Gebiet der Rajputana misst 330000 Quadratkilometer und hatte 1881 an 10 Millionen Einwohner,[539] von denen 8839000 Hindu, 378672 Jaina, nur 861000 Mohammedaner, 1284 Christen waren.
Von der ursprünglichen Kriegerkaste der Rajput (im Sanskrit Radschaputra, d. i. Königssohn,) leben noch heute 480000 in Rajputana, hauptsächlich als Gross-Grundbesitzer oder als Ackerbauer, voll Stolz auf ihre Abkunft, obwohl sie schon in alter Zeit fremde (scythische, d. h. turanische) Bestandtheile in sich aufgenommen, sicher und würdevoll in ihrem Auftreten.
Das Land wird hügelig; wir durchfahren ein fruchtbares Thal zwischen zwei Felsenreihen, das nur streckenweise enger und dürrer wird, meist aber breit und fruchtbar bleibt. Es liefert jährlich zwei bis drei Ernten. Baumwollenvorräthe sind an den Halteplätzen aufgestapelt. Man erkennt leicht, dass hier die Mohammedaner sparsam geworden. Aber die Hindu sind ein recht schöner Menschenschlag. Leider haben die Pocken bis vor kurzem noch arg gewüthet; viele sind dadurch einäugig geworden.