Abends spät gelange ich in das Gasthaus zur Kaiserin von Indien (Kaiser-i-Hind Hotel), das nach Murray vortrefflich sein soll, in Wirklichkeit ein zwar geräumiges, jedoch dürftig ausgestattetes, mittelmässig verwaltetes Haus darstellt. Mein Zimmer hatte weder Schloss noch Riegel, und als ich darüber meine Verwunderung aussprach, wollten sie von aussen ein Vorlegeschloss befestigen, was ich mir natürlich verbat. Zu weiterer Beruhigung wurde mir der Nachtwächter des Hauses gezeigt, der soeben unter der Vorhalle, dicht bei meinem Zimmer, seinen Platz eingenommen.
Aber kaum war ich eingeschlafen, so wurde ich durch eigenthümliche, gleichförmige Töne wieder aufgeweckt. Mein Rajput sang die Heldenlieder[540] seines Stammes, die durch ungewöhnliche Länge sich auszeichnen, mit lauter, unermüdlicher Stimme in die ruhige Nacht hinaus. Zureden half nicht, zumal er mich nicht verstand. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Schirmstock in unzweideutiger Gebärde zu schwingen. Entsetzt über den geringen Kunstsinn des Fremdlings, floh er auf die andere Seite des Vorplatzes, um hier in gesicherter Stellung seine Gesänge unverdrossen weiter zu üben. Aber am nächsten Morgen machte ich dem Wirth meine Empfindungen so klar, dass fernerhin diese nächtlichen Lieder aufhörten.
Der erste mohammedanische Eroberer, Muhamed Ghori, fand (1184 n. Chr.) Delhi besetzt durch den Tomára Clan, Ajmir durch die Chauhanff, Kanauj am Ganges durch die Rhator. Die Uneinigkeit der Hindu-Staaten erleichterte dem Afghanen seinen Sieg. Aber die Rhator-Rajput mit andern Stämmen unterwarfen sich nicht, sondern wanderten südöstlich und gründeten die Königreiche, die bis heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.
Die Rajput erhoben sich gegen die mohammedanischen Sklaven-Könige Nordindiens und gegen ihre Nachfolger, die Khilji und Tuglak. Erst Akbar’s Staatsweisheit gelang es, sie zu versöhnen und als brauchbare Glieder seiner Regierung einzuverleiben. Aber als seine Weisheit und Milde dem engherzigen Glaubens-Eifer seiner Nachfolger Platz machen musste, folgten neue Aufstände, sowohl gegen Jehangir wie auch gegen Aurangzeb. Und, da mit des letzteren Tode auch die Kraft der Grossmogul geschwunden war, machten sich 1715 die Rajput-Fürsten unabhängig.
Nachdem die Engländer 1817 die Pindari-Banden, die Reste der Mogul-Heere, und 1818 die Marathen (Hindu aus dem Dekkan) endgiltig besiegt, traten die Fürsten der Rajputana in ein Lehnsverhältniss zur britischen Oberherrschaft und blieben auch treu zur Zeit des grossen Meuter-Aufstands.
Der wichtigste dieser Schutzstaaten ist Jaipur mit 37000 Quadratkilometer und 2500000 Einwohnern, von denen nicht weniger als 2315000 Hindu sind.[541] Die gegenwärtige Herrscherfamilie fasste Fuss im Lande seit 967 n. Chr., der jetzige Maharadscha[542] ist der 35te; aber die Hofschranzen wissen seinen Stammbaum bis auf Rama, den Helden der Volksdichtung, zurückzuführen. Jai Singh,[543] der sternkundige Lehnsfürst des Grossmogul, hat um das Jahr 1728 die Stadt Jaipur gebaut, und zwar, als Mathematiker, ganz regelmässig; ihr auch den Namen gegeben, denn Jaipur heisst Jai’s Stadt; und den Sitz der Regierung von Amber hierher verlegt. Da Amber 1000 Jahre bestanden haben sollte, beabsichtigte er das zweite Jahrtausend in einer neuen Hauptstadt zu beginnen. (In deutschen Büchern liest man, dass erst der Vorgänger des jetzt regierenden Fürsten Jaipur erbaut und die Bevölkerung von Amber nach Jaipur verpflanzt habe. Dr. Hans Meyer dürfte der Urheber dieser unrichtigen Angabe sein.)
Der jetzige Fürst bezieht von seinen Unterthanen ein Steuereinkommen von jährlich 10 Millionen Mark,[544] wovon er allerdings auch die Bedürfnisse des Staates, sowie der zahlreichen Priester zu befriedigen und 800000 Mark als Tribut an die englische Regierung abzuführen hat. Ein königlicher Rath (Durbar) steht an der Spitze der Verwaltung; doch üben die englischen Aufsichtsbeamten einen übergrossen Einfluss aus. Davon werde ich ein merkwürdiges Beispiel mittheilen.
Die Stadt Jaipur liegt unter 27° nördlicher Breite, 1500 Fuss über dem Meeresspiegel, rings umgeben von steilen, mit Vesten gekrönten Felsen, hat gutes Wasser, ein trocknes und gesundes Klima und im Winter eine ganz angenehme Temperatur; durch Handel und Gewerbefleiss, Unterrichts- und Wohlfahrtseinrichtungen ist sie eine der ersten in den einheimischen Staaten. Sie besitzt ein Colleg[545] (Mittelschule) mit 1000 Zöglingen, eine Kunstschule und sogar eine (allerdings etwas schüchterne) Gas-Beleuchtung.[546] Die Zahl der Einwohner betrug 1881 an 142000, im Jahre 1891 über 158000; Jaipur ist also (nächst Haiderabad und Bangalore) der Bevölkerung nach die dritte Stadt in den einheimischen Staaten Indiens.
Am Sonntag, dem 18. December, Morgens früh, war ich bereit zur Besichtigung der Stadt Jaipur. Zur Stelle war der Führer mit höchst mangelhaftem Englisch und noch mangelhafterem Begriffsvermögen.