Hier merkte ich zum zweiten Male, dass die Engländer in Indien die fremden Reisenden doch ganz genau überwachen. Zwar wird nirgends ein Pass verlangt, aber schon vor der Landung muss Jeder den Zoll-Schein eigenhändig unterschreiben. Sie finden die Sendlinge ihrer russischen Freunde[547] ganz gut heraus und begleiten sie durch das Kaiserreich mit zärtlicher Sorgfalt. Sollte einer von jenen die nordwestlichen Vertheidigungs-Pässe von Peschawar oder Quettah besichtigen wollen, so findet er die höfliche Ablehnung schon lange fertig geschrieben vor. Das haben mir britische Officiere erzählt. Vor Allem wird das Reisen in den Schutzstaaten überwacht. Wo es gar keine Gasthäuser giebt, wie in Gwalior, steht das Rasthaus unmittelbar unter dem englischen Aufsichts-Beamten; der Reisende hat diesen schriftlich um Erlaubniss zu bitten.[548] Wo wegen des grösseren Verkehrs schon Gasthäuser nothwendig geworden, wie hier in Jaipur, kann man die Erlaubniss zur Besichtigung der Paläste nur auf schriftlichen Antrag von dem englischen Beamten erhalten. So wird in unmerklicher und auch wenig lästiger Weise die Aufsicht ganz vollkommen geübt; denn, wenn Jemand hier reisen wollte, ohne die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, so würde er erst recht auffallen.
Nach Erledigung dieses Geschäftes, wozu man nur auf den vorgedruckten Zettel seinen Namen zu setzen hat, fuhr ich in einem offnen, von zwei munteren Pferden gezogenen Wagen von dem draussen (im Cantonment) gelegenen Gasthaus nach der Stadt.
Von der Höhe grüsst die Festung im Morgenlicht; auf dem Berg, den sie krönt, ist in Riesen-Buchstaben das Wort Welcome eingelegt. Grosse, mit Baumwolle hoch beladene Wagen, von Ochsen gezogen, kommen uns entgegen. Die Menschen sind meist etwas dunkler, als die, welche ich in den vorigen Tagen gesehen.
Die Stadt Jaipur hat eine vollständige, zinnengekrönte Mauer (von 6 Meter Höhe und 3 Meter Dicke) und sieben feste Thore. Die beiden Hauptstrassen, welche die Stadt regelmässig in vier Quadrate theilen, sind 111 Fuss breit und gut gepflastert. (Die Nebenstrassen sind immer noch 55 und die Gassen 28 Fuss breit; alle kreuzen sich unter rechten Winkeln.)
Höchst seltsam ist die lange, gleichmässige Flucht der Häuser, die einst der gute Fürst für seine getreuen Unterthanen, (servants of the Maharaja nennen sie sich in gelegentlichem Gespräch,) erbauen, mit Thürmchen, Erkern und Zinnen schmücken und durchweg rosig tünchen sowie mit weissen Zierrathen versehen liess.
Man hat Jaipur die schönste Stadt Indiens genannt. Das ist wohl eine Uebertreibung. Heiter sieht sie aus in den Hauptstrassen, namentlich Nachmittags, wenn die seltsamen Gebäude von dem Gewühl der noch seltsameren Menschen gehoben werden. Aber schön ist dieser Bau-Stil nicht; und auch die öffentlichen Gebäude sind mehr blendend, als tüchtig gebaut.
Schon jetzt am frühen Morgen, wo die meisten Läden noch geschlossen waren, sind die Strassen belebt. Man bringt frische Nahrungsmittel in die Stadt. Pfauen stolziren auf den platten Dächern, Affen klettern eiligst darüber fort, dorthin, wo sie ihr Frühstück erwarten; träge sitzen die Geier da, die friedfertigen Strassenreiniger Indiens. Gelegentlich erscheint auf dem Dach auch ein Mensch und macht seine Morgenwaschung. Ungeheure Taubenschwärme werden auf dem grossen Marktplatz gefüttert. Müssige Buckelochsen naschen mit von den Körnern.
Natürlich wurde ich zuerst in einen grossen Laden geschleppt, wo die berühmten Metallwaaren und Gewebe des Ortes feilgeboten werden: so geschäftskundig sind doch die dümmsten Führer in Indien. Doch hatte er mit mir kein Glück.
Hierauf verliessen wir wiederum die Stadt und fuhren nach dem prachtvollen Park ausserhalb der Mauern, der als der schönste von Indien gepriesen wird. Seine Ausdehnung misst 70 Acres oder 28 Hektaren; die Kosten der Herstellung betrugen 400000 Rupien, die Unterhaltung erfordert jährlich 30000 Rupien.
In dem Garten ist eine Bronze-Bildsäule des Lord Mayo errichtet, welcher von 1869 bis 1872 Vicekönig von Indien gewesen, eine Reihe wichtiger Verbesserungen eingeführt und bei dem Besuch der Verbrecher-Colonie auf den Andamanen-Inseln durch die Hand eines Mörders sein Leben eingebüsst hat.