In dem Garten sind Vogelhäuser mit Riesen-Pfauen, auch den schneeweissen aus Kabul, und Prachthähnen, sowie einige Käfige mit wilden Thieren, namentlich mit Tigern.

Während es bei uns üblich ist, den Besuchern das Necken der Thiere zu verbieten, erlaubt sich dies hier unaufgefordert der Wärter: er reizt den Tiger zu höchster Wuth und — hält dann die Hand auf, um ein Trinkgeld von dem Reisenden zu empfangen. Dabei hat er früher bei einer solchen Gelegenheit seinen rechten Arm eingebüsst! Natürlich erzählt der Führer, dass alle diese Tiger, die hier eingesperrt werden, Menschenfresser seien; der eine habe fünfzehn, der andere zehn, der dritte sieben Menschen vertilgt. Für gewöhnlich lebt der Tiger in Indien von Hirschen, Antilopen, Wildschweinen. Wo diese reichlich vorhanden sind, greift er nicht einmal das Vieh an. Hat er aber erst Menschenblut gekostet, (und den Hirt fängt er leichter, als ein Stück seiner Heerde,) so beginnt er fürchterlich zu wüthen.

Ein einzelner Tiger hat 118 Menschen binnen drei Jahren getödtet, ein zweiter 80 in einem Jahre, ein dritter verödete zwölf Dörfer und 250 englische Quadratmeilen, ein vierter hat im Jahre 1869 an 127 Menschen getödtet und eine Landstrasse für viele Wochen unwegsam gemacht, bis ein Europäer kam und ihn niederschoss. Noch im Jahre 1890 wurden 798 Menschen und 29275 Stück Vieh von Tigern getödtet, und 36000 Rupien an einheimische Jäger für Erlegung von 1200 Tigern ausgezahlt.

Gefangen werden die Tiger in Gruben, indem man Gebüsch lose darüber legt und einen Ochsen als Lockspeise passend befestigt; in der Grube belässt man das Raubthier, bis es vor Hunger ganz kraftlos geworden und unfähig, sich zu rühren: dann wird es in den Eisenkäfig gebracht und zur Schau ausgestellt.

Der Hauptschmuck des Gartens ist Albert Hall, ein neues Gebäude, zu dem der Prinz von Wales 1876 den Grundstein gelegt, und das mit den luftigen Hallen und offenen, kuppelbedeckten Thürmchen der Hindu-Baukunst munter emporragt. Unten ist eine grosse Tanzhalle, an deren Wänden die Bilder der Vorfahren des Maharajah (von 1500 n. Chr. an) aufgemalt sind; und weite Gänge mit grossen Wandgemälden aus den altindischen Heldengesängen, nach älteren Vorlagen ausgeführt. Das Innere ist ein Kunstmuseum; dasselbe enthält die Ergebnisse der berühmten Kunstgewerbe-Ausstellung Indiens, die der Fürst 1883 hier in seiner Hauptstadt veranstaltet hatte, und erfreut sich einer stattlichen Zahl von Besuchern. (150000 im Jahr.) Von allen Sammlungen der Art, die ich in Indien gesehen, ist dies die vollständigste. Natürlich berücksichtigt sie am meisten die heimischen Erzeugnisse. Da sieht man die Metallwaaren von Jaipur, eingelegte Schalen, Schwerter, Streitäxte, Schilde u. dgl.; Schmelz auf Gold, Silber, Kupfer, wofür die Stadt besonders berühmt ist; Gold- und Silberarbeiten mit Granaten; Elephanten, Tiger, Götterbilder aus dem weissen Marmor von Jaipur mit wirkungsvoller Bemalung; gefärbte und gedruckte Baumwollenwaaren, alles mit der Hand gearbeitet, Stickereien, Schmucksachen aus Pfauen-Federn.

Bei den Gegenständen, die aus den andern Staaten und Provinzen herrühren, will ich nicht verweilen. Aber von freudigem Staunen ward ich ergriffen, als ich plötzlich auf einem Tisch Alexander den Grossen von unserem Prof. Herter erblickte, offenbar als Muster, um den Blick und Geschmack der Einheimischen zu bilden.

Es giebt auch eine wirkliche Kunstschule in Jaipur, welche Metall- und Schmelz-Arbeit, Stickerei und Kunstweberei nach den alten Mustern neu beleben soll.

Inzwischen war der Tag weiter vorgerückt, die Zeit mehr geeignet, um die Stadt selber genauer in Augenschein zu nehmen. Die lange Reihe der einander ähnlichen Häuser in der ersten Hauptstrasse, alle rosenroth getüncht und mit weissen Verzierungen, theils in Stuck, theils in Bemalung, erinnert uns lebhaft an die Honigkuchen mit rothem Ueberzug und weissem Zuckerguss. Hübsch sind die durchbrochenen Steingitter in dem Vorbau des Oberstocks, aus dem zurückhaltende Frauen ungesehen das Treiben auf der Strasse betrachten können.

Die unteren Stockwerke öffnen sich nach der Strasse mit Läden, unter deren weissem Sonnendach die Käufer Halt machen. Vor den Läden, welche neben den einheimischen Waaren die von Kaschmir, Cawnpur und — Manchester feilhalten, sind noch Buden angebracht.

Der Marktplatz am Schnittpunkt der beiden Hauptstrassen ist rings um den in der Mitte befindlichen Brunnen mit Buden und ferner mit Ständen der Fruchthändler bedeckt, die gegen die Sonne ein grosses Schutzdach aus Flechtwerk, wie eine Staffelei, aufstellen. Die Männer aus dem Volke tragen ein weisses Käppchen (oder eine Art Turban) und einen weissen Rock nebst Schurz (oder Hosen); die Frauen schlagen grosse Tücher (Sari) um, und rahmen damit das Gesicht ein. Ihre Nasenringe werden durch Speichen und concentrische Ringe zu förmlichen Räderchen. Die Zahl der aus einer bemalten und vergoldeten Gummi-Masse verfertigten Armbänder wächst in’s ungemessene. Geduldig hockt die jugendliche Schöne, die schon sechs bis acht Armbänder an jedem Arm trägt, vor einem Laden, lässt ihre Armweite messen, den neuen Ring aussuchen, durchschneiden, die Schnittenden erwärmen, und dann das begehrte Schmuckstück bleibend an dem Arm zu den übrigen befestigen.