Das Thal ist künstlich bewässert und fruchtbar. Auf den Grasflächen weiden fette Kühe, wie ich sie seit Nuwara Eliya auf Ceylon nicht mehr gesehen hatte. Reisfelder werden bestellt und bewässert aus Tiefbrunnen mittelst der von Ochsen getriebenen Schöpfräder, die den ägyptischen Sakije sehr ähnlich sind und hierzulande als persische Brunnen bezeichnet werden.
Pflichtschuldigst sende ich Morgens früh meine Karte zu dem Bürgermeister des Orts, dem englischen Capitän Tigh, um den Erlaubniss-Schein zum Besuch der berühmten Jain-Tempel (Delwara[561]) zu erhalten, um deren willen der Ausflug nach Mount Abu unternommen wird. Inzwischen wandre ich nach dem kleinen, künstlich angelegten Edelstein-See (Gem lake[562]), der einige hundert Schritt vom Gasthaus entfernt und mit Felsinselchen übersäet ist.
Hier geniesse ich ein träumerisches Ruhe-Stündchen und wandre, nachdem der Erlaubniss-Schein angekommen, um 11 Uhr nach den 3½ Kilometer entfernten Tempeln.
Von aussen sehen sie unscheinbar aus. Man sieht den ungeheuren Unterbau, die umgebende Mauer, zwei kegelförmige Dächer und einige Kuppeln, anscheinend regellos angeordnet, da sie nicht einem, sondern mehreren neben einander, aber in verschiedener Höhenlage errichteten Tempeln angehören.
Das Innere ist überraschend. Der prachtvollere der beiden Tempel ist zwischen 1197 und 1247 n. Chr. errichtet und in Beziehung auf feine Bildhauerarbeit und Schönheit der Ausführung ohne Gleichen, sogar in Indien, dem Lande der geduldigen und unermüdlichen Arbeitsverschwendung. Vierzehn Jahre hat der Bau gedauert und 18 Millionen Rupien gekostet, ausser 5600000 Rupien, die zur Erhöhung des Hügels verbraucht wurden. Das ganze ist aus weissem Marmor gebaut, der 460 Kilometer weit her und auf den hohen Berg hinauf geschleppt werden musste!
Zwei Brüder, fürstliche Kaufleute, die auch noch andere Tempel errichtet, Tejpala und Vastupala, waren die Erbauer.
Der andere, gleichfalls von einem fürstlichen Kaufmann, Vimalah Sah, um das Jahr 1032 n. Chr. ist etwas einfacher, aber immerhin so reich geschmückt, als der gute Geschmack es zulässt. Hier können wir die Grundform des Jain-Tempels kennen lernen.
In der Mitte des Tempels steht die viereckige Zelle, die nur von ihrer Vorderöffnung her erleuchtet ist, den mit gekreuzten Schenkeln in ruhiger Haltung sitzenden Heiligen (hier Parswanatha[563]) enthält und oben das Spitz-Dach[564] trägt. Von der Vorderseite der Zelle geht eine prachtvolle Säulenhalle aus, die, mit einem geschmackvollen Uebergang des Achtecks zum Kreis, von einer Kuppel gedeckt wird und in einen weiteren Säulen-Vorbau nach dem Eingang zu sich fortsetzt.
Achtundvierzig freistehende, herrlich geschmückte Säulen setzen diesen Theil des Bauwerks zusammen. (Selbstverständlich besteht die Wölbung aus wagerechten Steinen; die strahlenförmige der Römer muss ja auf einem vollständigen Cylinder von Mauerwerk aufruhen, oder doch, wie bei den Byzantinern, auf gewaltigen Strebepfeilern.)