Das Ganze steht in einem rechteckigen Hof von 140 Fuss Länge und 90 Fuss Breite, der an den drei Seiten (ausser der des Eingangs) von einer bedeckten Doppelreihe etwas kleinerer Säulen umgeben ist. In diesen Säulengang münden 55 kleinere Zellen;[565] jede von diesen enthält eine Wiederholung jenes Heiligen, mit dem reichsten Bildhauerschmuck von Thieren, Pflanzen, Begebenheiten aus seinem Leben, Verzierungen. Alles, auch der Fussboden, ist aus Marmor, alles ist in der üppigsten Weise geschmückt. Menschliche Figuren, grössere und kleinere, sind in rings umlaufenden Reihen neben einander und mehrfach über einander zwischen Ranken, Pfosten und Verzierungen an jeder Säule angebracht, ferner an den Kragsteinen des Säulen-Knaufs. Auch im unteren Theile der Kuppel, über einem ringsum laufenden Fries von Elephanten-Köpfen, sind sechzehn Figuren auf Sockeln angebracht, darüber noch drei concentrische Reihen von blumigen Verzierungen. Von dem Gipfel der Kuppel hängt eine riesige Himmelsblume aus Marmor in feinster Ausführung frei herab,[566] nach Fergusson ohne Gleichen auf der ganzen Erde. Die grossen Säulen der Haupt-Halle endigen oben in Kragstein-Knaufe; auf diesen stehen noch mit anmuthigen Figuren geschmückte Zwerg-Säulen, welche auf ihrem Knauf die mächtigen queren Stein-Balken tragen. Die Mitte der letzteren wird von schön verzierten Schrägbalken gestützt, die von den unteren Capitälen ausgehen. (In dem einen Tempel sind diese Schrägbalken nur blumige Windungen, die scheinbar aus stilisirten Thierrachen hervorwachsen.)
Das Ganze macht einen höchst überraschenden, geradezu wunderbaren Eindruck, obwohl manche Einzelheiten uns weniger anziehen.
Der dritte und der vierte Tempel sind kleiner und einfacher, sowohl im Baustoff als auch in der Ausführung.
Ein grässlich lärmender Gottesdienst mit Gong und Pauken wurde grade abgehalten. Die Priester waren dabei ganz allein. Uebrigens sind sie sehr stolz und hochmüthig; als ich eingetroffen, weigerten sie mir zunächst den Einlass, da noch nicht Mittag sei.
Sie haben schon vergessen, dass die Tempel offen und vernachlässigt waren, bis Europäer in Abu sich niederliessen und Ordnung schufen. Eine grosse Stadt war nie auf dem Berge, die in der Ebene (Chandravati) ist von den Mohammedanern in der Mitte des 14. Jahrhunderts zerstört worden.
Wie eng unser Gesichtskreis, wie gering unsere Kenntnisse vom Morgenland, trat mir an diesem Platz recht deutlich in das Bewusstsein. Wunderbare Tempel, die in Europa ihres Gleichen nicht haben, sind hier von einer Gemeinde errichtet, die bei uns (abgesehen von Fachgelehrten) kaum dem Namen nach gekannt ist. In keiner der von mir angeführten deutschen Reisebeschreibungen und Schilderungen von Indien werden die Delwara-Heiligthümer der Jaina besprochen.
Die Frage der Jaina ist darum so schwierig, weil erstens die Hindu keine Geschichte besitzen, zweitens von den heiligen Büchern der Jaina erst wenig herausgegeben und übersetzt ist, drittens der Unterschied zwischen Jaina und Buddhisten uns wenigstens sehr geringfügig erscheint.
Wie die Buddhisten leugnen die Jaina vollständig die Göttlichkeit und Bedeutung der Veda; sie verwerfen Opfer und verlangen strengste Sittlichkeit; sie glauben, dass die Zukunft des Menschen mehr von seiner eignen Handlungsweise, als von einem göttlichen Einfluss abhänge und üben ahimsâ, d. h. die Achtung vor fremdem Leben, in einer gradezu erstaunlichen Vollkommenheit. Alle enthalten sich gänzlich des Fleisches; die strengsten unter ihnen trinken nur durchgeseihtes Wasser, athmen durch einen Schleier und fegen zart den Boden, ehe sie niedersitzen, um nicht unbewusst ein kleines Thierchen zu zerstören. Den Weg zur Glückseligkeit zeigt ihnen Triratna (d. h. die drei Edelsteine): 1) vollkommener Glaube, 2) vollkommenes Wissen, 3) vollkommenes Leben.
Auch die Buddhisten lassen zahlreiche Buddha vor Gautama zu. Die Jaina erkennen vierundzwanzig Jina an, (d. h. Siegreiche, oder Thirthankara, d. h. Furten-macher, Erlöser,) nämlich Weise, welche das reine Gesetz wieder hergestellt; und verehren hauptsächlich den vorletzten Parsvanath und den letzten Mahavira, (d. h. grosser Held, magnus vir,) welcher Zeitgenosse und Lehrer von Gautama Buddha gewesen; wie dieser, ein Königssohn, mit dreissig Jahren Weib, Kind, Schloss verlassen und ein Büsserleben geführt und ihre Religion begründet haben soll.
Jetzt giebt es in britisch Indien ½ Million Jaina, mehr wohl in den Schutzstaaten, da ihre Gesammtzahl in Indien auf 4 Millionen angegeben wird.