In der Nacht, und zwar gegen Morgen, hatte ich die Freude, einmal wieder das Kreuz des Südens zu erblicken. Dante, dem es wohl nur aus arabischen Quellen bekannt geworden, sehnte sich nach seinem Anblick; Vespucci sah es auf seiner dritten Reise (1501); Corsali (1517) hat es als Wunderkreuz bezeichnet.
Heutzutage ist die Schwierigkeit der Reise nach dem Süden nicht so gross. Bereits im Jahre 1889 (am 24. Februar, Morgens 3 Uhr,) war mir der Anblick beschieden, zu Assuan in Oberägypten, dicht an dem nördlichen Wendekreis.
Die vier hellen Sterne in der Nähe des Südpols der Ekliptik stehen in den Ecken eines Vierecks, dessen Diagonalen das Kreuz darstellen.
Als ich auf meiner jetzigen Reise in der Nähe des Aequators weilte, ging das Sternbild später auf als die Sonne, blieb also unsichtbar.
Der südliche Sternhimmel ist ärmer als der nördliche, das Kreuz des Südens hält den Vergleich mit dem Orion nicht aus. Aber immerhin darf Niemand aus den Tropen nach Europa zurückkehren, ohne das südliche Kreuz gesehen zu haben. Der merkwürdige Anblick wird durch ein kleines Opfer der Nachtruhe nicht zu theuer erkauft.
Die Stadt Ahmedabad (ungefähr unter 23° nördlicher Breite, also ein wenig südlich vom nördlichen Wendekreis belegen,) hat trotz ihrer 148000 Einwohner kein wirkliches Gasthaus. Die zwei bis drei Zimmer, welche der Bahnhofswirth für Reisende bereit hält, fand ich besetzt und fahre deshalb von dem Eisenbahnhalteplatz (in der Mitte der Ostseite der Stadt) nach dem Rasthaus, das dicht vor dem in der Mitte der Nordseite belegenen Delhi-Thor sich befindet. Der einzige Insasse des Hauses war eben in Begriff abzureisen. Ich erhalte mein Zimmer, mein Bad, mein Frühstück, und fahre los zur Besichtigung der Stadt. Der Neffe des Rasthauswirthes macht den Führer.
Ahmedabad ist äusserst lohnend. Die Stadt ist die erste im Bezirk Guzerat und die zweite in der ganzen Präsidenschaft Bombay, deren nördlichen Theil jener Bezirk bildet.
Guzerat[569] liegt an der Nordwestküste von Vorderindien, zwischen 20 und 24° nördlicher Breite und zwischen 69 und 74° östlicher Länge und besteht aus der Insel Cutch (Katsch), der Halbinsel Kathiawar und dem daran grenzenden Festland südlich bis zum Fluss Nerbudda, der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst; es umfasst 189000 Quadratkilometer und enthält 7½ Millionen Einwohner.[570] Hiervon entfallen 163000 Quadratkilometer mit 4700000 auf die Schutzstaaten (53, deren grösster Baroda ist,) und 26000 Quadratkilometer mit 2800000 Einwohnern auf britische Besitzungen, zu denen auch Ahmedabad gehört. Die fruchtbaren Küstengebiete haben reiche Ernten an Baumwolle und Weizen.
Die aus dem Sanskrit hervorgegangene Guzerati-Sprache ist als Handelssprache weit über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus verbreitet, bis zum persischen Meerbusen, Arabien und zur Ostküste von Afrika.
Arische Eroberer scheinen früh nach Guzerat gekommen zu sein. Die byzantinischen Griechen trieben Handel mit Barygaza, dem jetzigen Baruch (Barotsch) an der Mündung des Nerbudda.