Die Speise-Säle öffnen sich auf einen mächtigen Balkon, der die ganze Breitseite des Hauses einnimmt und namentlich nach dem Abendessen einen angenehmen Aufenthalt bildet, wo man an einem kleinen Tischchen den Kaffe einnimmt und bei der Cigarre[589] eine Stunde mit Bekannten verplaudert.

In dem Gasthaus wohnten etliche Deutsche, theils Reisende, theils Ansässige, deren Bekanntschaft ich bald machte und so die Annehmlichkeit genoss, wenigstens bei Tisch und danach meine Muttersprache sprechen zu können und auch lästigem Gesprächsstoff zu entgehen.[590]

Europäische Abendvergnügen, wie Theater,[591] giebt es in dieser indischen Grossstadt nicht.

Von dem luftigen Balkon wandre ich in’s Schlafgemach. Dieses ist gleichfalls luftig, da ich die Fenster auch Nachts offen lasse, und, nur von einem Laken zugedeckt, ganz angenehm schlafe.

Des Morgens, nach dem Bad und dem Früh-Thee, sitze ich behaglich am Fenster, rauche meine Cigarre, schreibe, lese, durchfliege die englische Zeitung. Letztere hat mir der unten lauernde Zeitungsjunge geschickt zwischen die eisernen Stäbe des Fensters hindurch in das Zimmer geschleudert; und, da er mit der hinuntergeworfenen Bezahlung zufrieden ist, wiederholt er dies jeden Morgen, sowie er mich erblickt. Die schon früh nach Bakschisch brüllenden Bettelkinder schaffe ich mir mit Hilfe des Pförtners vom Halse. So verbringe ich eine angenehme Morgenstunde.

Allmählich erscheinen aber mehr Menschen auf den Strassen. Jetzt ist es Zeit, die in nächster Nachbarschaft befindlichen Prachtgebäude zu besichtigen. Hatte ich doch bei Sir Edwin Arnolds gelesen „von einer glücklichen Erleuchtung, welche die gothische Baukunst mit der indischen verschmilzt.“ Da aber wurde ich gründlich enttäuscht und, um es kurz zu sagen, geschmacklosere Bauten, als die der Engländer in Bombay, habe ich noch in keiner Grossstadt, sogar nicht in Amerika, auf so engem Baum zusammengedrängt gesehen.

Das Secretariat der Präsidentschaft, westlich von unserem Gasthaus (mit der Hauptseite nach Mayo Road, die hier einigermassen gleichläuft mit Esplanade Road[592]) ist ein Steinkasten von 443 Fuss Länge und vier Stockwerken; — für seinen Zweck ist es gewiss brauchbar, ausserdem aber soll es „venetianisch“ sein.

Die Universitäts-Halle ist nach der Zeichnung des Sir Gilbert Scott im „französischen“ Stil des 15. Jahrhunderts erbaut, 104 Fuss lang, 44 Fuss breit und 63 Fuss hoch, 1874 fertig gestellt und nach Sir Cowasjee Jehangir Readymoney[593] benannt, der 100000 Rupien dazu beigesteuert.[594] Dies Gebäude ist wenigstens doch hübsch im Innern, durch eine Holztäfelung, die von Einheimischen herrührt. (Die Universität, die nur Prüfungen vornimmt, mit dem Unterricht aber nichts zu schaffen hat, hält hier ihre Sitzungen ab.)

Die Universitäts-Bücherei mit dem Glocken-Thurme, von demselben Sir Gilbert Scott in dem „gothischen Stil des 14. Jahrhunderts“ entworfen, stellt eine Missverbindung dar zwischen einem 152 Fuss langen, ganz niedrigen Gebäude, der eigentlichen Bücherei, und einem plumpen, viereckigen, sechsstöckigen, bis über das Zifferblatt fast 200 Fuss unverjüngt aufsteigenden Thurm mit einer schmäleren Laterne, deren Spitze 260 Fuss über dem Erdboden steht. Der Thurm heisst der von Rajabi, nach der Mutter des edlen Gebers, des Herrn Prunchand Raichand, der für die Kosten des Bauwerks 300000 Rupien geschenkt und ausserdem 100000 Rupien für die Bücherei und noch spätere Zugaben, die vollkommen ausreichten, um Alles zu vollenden. Hätte der edle Geber nur noch die Mildherzigkeit so weit ausgedehnt, statt des englischen Künstlers einen einheimischen Handwerker mit Plan und Ausführung zu betrauen! Dann würde vielleicht auch der Beschauer eine Freude an dem Werke haben.[595] In dem Garten der Universität steht die Marmorbildsäule des einen der beiden Wohlthäter, der den Titel Sir führt.

Das Gerichtsgebäude, in „altenglischem“ Stil von Gen. J. A. Fuller entworfen und 1879 mit einem Kostenaufwand von 100000 £ vollendet, ist 562 Fuss lang, mit einem Thurme von 175 Fuss Höhe. Ich war auch drinnen; das beste, was man dort sieht, ist die Aussicht.