Bunder oder Bandar heisst auf hindostanisch Uferstrasse. Das Wort Apollo sollen die Engländer aus dem hindostanischen Wort pallow, d. h. Fisch, zurecht gemacht haben: wobei nur eines wunderbar ist, dass sie eine Silbe zugegeben, nicht fortgenommen haben.

Apollo Bunder oder, wie der amtliche Name jetzt lautet, Wellington Damm (W. Pier) ist das wirkliche Eingangs-Thor zur Westküste von Indien. Dicht davor werfen die Postdampfer der P. & O. Gesellschaft Anker. Ankunft und Abfahrt bedingen lebhaftes Gedränge und geschäftiges Treiben auf dem Ufer und auf dem Wasser. Der Blick von oben, über die niedrige Umfassungsmauer fort, zeigt eine der schönsten Seelandschaften der Erde. Vor uns liegen in dem von schier unzähligen Vergnügungs- und Geschäftsbooten durchfurchten Hafen die zahlreichen verankerten Schiffe. Die Flaggen aller Völker flattern von den ragenden Masten. Obwohl Bombay heutzutage nicht mehr eine Festung darstellt, — denn von dem nördlich von unserem Standpunkt befindlichen Kastell sind nur noch die Ufermauem übrig geblieben und die Waffensammlung (Arsenal), — so ist doch für die Vertheidigung des Hafens einigermassen gesorgt. Da liegen die beiden Monitor Abyssinia und Magdala, jeder mit zwei Thürmen und 10zölligen Kanonen; da erhebt sich zu unserer Linken Chendal Bet, die Kreuz-Insel, mit ihrer Batterie, am Nordende der Ankerlinie; am Südende der letzteren der Austern-Felsen und eine dritte Batterie in der Mitte. Dazu kommt weiter nach Osten die Schlacht-Insel (Butcher’s Island), wo die Mannschaften zur Bedienung der unter See befindlichen Minen ihren Standort haben.

Lassen wir den Blick weiter über das Wasser nach dem Hintergrund zu schweifen, so erblicken wir andere grössere Inseln, darunter die berühmte Elephanta und die Berge des Festlandes, die westlichen Ghats, die hier 1000 bis 2000 Fuss emporsteigen. Besonders reizvoll ist das Bild gegen Abend, wenn die tiefer stehende Sonne auf den Felsinseln eine malerische Abwechslung von Licht und Schatten hervorruft.

Dann sammelt sich auf diesem Platz „ganz Bombay“ oder wenigstens eine hübsche Muster-Sammlung seiner so verschiedenartigen Einwohner. Die Vornehmeren der wirklich herrschenden Kaste, der Engländer und anderen Europäer, erscheinen nur vereinzelt; die meisten fahren von dem Corso am westlichen Ufer der Bombay-Halbinsel sofort nach Hause, um für das wichtige Geschäft des Abendessens langsam und würdevoll sich vorzubereiten.

Aber von der einflussreichsten und wohlhabendsten Klasse der Eingeborenen, den Parsi, rollt ein Wagen nach dem andern heran. Aussteigen die würdevollen, hohen Gestalten der halb europäisch gekleideten Männer mit der steifen, glänzenden Kopfbedeckung, die an die Blechmützen der Garde Friedrich’s des Grossen erinnert; mit ihnen die schwarzäugigen Frauen, in lebhaft gefärbten Seidengewändern, das lange Tuch (Sari) mit dem bunten, fein gestickten Saum so um das Haupt geschlagen, dass es das Gesicht vollständig einrahmt; die munteren Kinder, Knaben wie Mädchen, in blumigen Gewändern (Jacke und Hosen) und mit Sammtkäppchen auf dem üppigen, schwarzen Lockenhaar. Nur durch Länge des Haares und Ohrringe sind die Mädchen von den Knaben zu unterscheiden.

Da erscheinen Hindu in jeder Schattirung des Braun, mit Kastenabzeichen auf der Stirn, mit allen Arten von Turbanen, weissen und rothen, und von Mützen und in schneeweisser Baumwollengewandung; Mohammedaner, die auch hier die grüne Farbe des Turbans vorziehen; Hinduweiber mit grellfarbigem Tuch (Sari, aus Battist oder Seide) um den Kopf, mit Nasenring, Spangen an Armen und Fussknöcheln; Juden aus Bagdad im Fez, mit ihren Frauen, die zu den schönsten im Osten gehören. Die schlanke Gestalt ist in ein weisses, bauschiges Gewand gekleidet, das aber wegen der Zartheit des Stoffes die Formen nicht vollständig verhüllt; das weisse Tuch umrahmt das regelmässige, helle Gesicht mit den dunklen Augen; den überladenen Schmuck der Hindu-Frauen verschmähen sie, gehen aber nicht barfuss, sondern in zierlichen Schuhen.

Natürlich fehlen die neugierigen Reisenden ebenso wenig wie die fröhlichen, recht jugendlichen Gestalten der britischen Soldaten sowie Schiffsvolk aus aller Herren Länder. Händler mit allerlei Kleinigkeiten, mit Süssigkeiten und Spielwaaren für die Kinder, Bootsleute, welche ihre Kähne anbieten, drängen sich zwischen die Menge, welche langsam auf- und abwandelt und den Klängen einer Musikkapelle lauscht, die gelegentlich vor dem Jacht-Klub ihre Weisen ertönen lässt. Dann geht die Sonne unter, der Mond leuchtet in märchenhaftem Glanze. Die Versammlung zerstreut sich nach allen Richtungen.

Unmittelbar nördlich von Apollo Bunder liegt die Werft (Dockyard), 1735 von der Regierung mit Hilfe einer tüchtigen und grundehrlichen Parsi-Familie in’s Leben gerufen und ganz allmählich vergrössert; 1820 wurden Kriegsschiffe von 1700 Tonnen ganz und gar von den Parsi fertig gestellt, aus Teakholz, das fünf Mal so lange hält, wie europäisches Eichenholz. Ein Kauffahrer von 1000 Tonnen, aus diesem Holz erbaut, hat 70 Jahre lang das Meer befahren! Bombay ist der einzige wichtigere Platz in Indien, wo die Fluth (von 14 Fuss) hinreicht, um grössere Docks zu erbauen.

Südlich von Apollo Bunder bei Colaba liegt das alte Sassoon-Dock zum Aus- und Ein-Laden von Schiffen, 650 Fuss lang, 250 Fuss breit, 19 Fuss tief, mit der Eisenbahn verbunden; und nördlich, dicht bei der Kreuz-Insel, die neuesten Anlagen der Art, Prince’s Dock, das 30 Acres = 12 Hektaren misst und 30 Oceandampfer aufnehmen kann; sowie Victoria Dock, von 25 Acres = 10 Hektaren.

Diese beiden Flächen, sowie der südlich daran stossende Uferstreifen bis zur Münze sind der See abgewonnen,[600] wodurch der Hafen erheblich verbessert und morastige, ungesunde Untiefen in vortreffliche Geschäftsviertel umgewandelt wurden.