Es ist aber auch sehr lehrreich, grosse Strecken zu Fuss zurückzulegen.
Ganz eigenartig ist der Spaziergang nach Süden von Esplanade road, durch Colaba causeway. Hier kommt man zu dem Baumwollen-Paradies. Bombay ist nach New-Orleans[601] der grösste Baumwollenmarkt der Erde. 4000000 Centner werden jährlich von Bombay ausgeführt und 2000000 in den 70 Dampf-Spinnereien der Stadt verarbeitet,[602] wobei 59000 Menschen Beschäftigung finden.
Es ist wohl zu bemerken, dass im letzten Jahre mehr nach Deutschland als nach England verschifft worden ist! Die grossen viereckigen Ballen werden durch hydraulische Pressen, die einen Druck von 800 Tonnen auf den Ballen ausüben, zusammengedrückt, so dass sie grössere Dichtigkeit (specifisches Gewicht) als Tannenholz annehmen, und mit dünnen Eisenbändern umgeben. So lagern sie zu Tausenden und Tausenden in Hallen und auf Höfen, bewacht von den Angestellten der Geschäfte und durchmustert von Kauflustigen.
Indien ist die Heimath der Baumwollenpflanze und ihrer Verarbeitung zu den feinsten Geweben, seit uralter Zeit. Im Anfang des 18. Jahrhunderts beherrschten ostindische Baumwollenwaaren den englischen Markt, so dass in den Jahren 1700 und 1721 ihre Einfuhr nach England durch Gesetz beschränkt wurde. Aber der Erfindungsgeist und die Thatkraft der Europäer hat in einem Jahrhundert auf diesem Gebiet mehr geleistet, als die Weisheit des Morgenlandes in Jahrtausenden.
Indien lieferte Baumwolle nach England und nahm von dort Baumwollenwaaren. Jetzt fängt Asien an, durch eigne Dampf-Spinnereien von Europa sich unabhängiger zu machen; aber vorläufig wird es noch zinspflichtig bleiben.
Umfassend ist hier am Südende die Aussicht auf Bombay. Im äussersten Westen erblickt man die Malabar-Spitze mit der Flaggen-Stange des Statthalters, dann kommt der grüne, langgestreckte, mässig hohe Hügelrücken der Malabar-Halbinsel, auf dem einzelne der Pracht-Häuser sichtbar sind, danach die hängenden Gärten und, hinter der Umbiegungsstelle der Hinterbucht, die fernen Schornsteine des sogenannten Manchester von Bombay, hierauf einige grosse Häuser am Strand, dann der Palmenwald, in dem ein Theil der „schwarzen Stadt“ der Hindu liegt, endlich die grossen Amtsgebäude, welche Bombay kennzeichnen (Victoria-Halteplatz, Universität, Obergericht,) einige rothe Dächer der höheren Geschäftshäuser und dahinter die Bergkuppen der in der Bombaybucht gelegenen Inseln.
Am äussersten schmalen Südende der Halbinsel sind einige militärische Gebäude, Werkstätten, seltsamer Weise auch Gesundheits- und Erholungs-Häuser für kranke Soldaten, eine Kirche am Strande, zum Gedächtniss an die 1842 in Afghanistan gefallenen Krieger, eine Sternwarte und ein Leuchtthurm, der nicht mehr in Thätigkeit ist, seitdem ein neuer (Prong Light) auf einer dicht vor der Colaba-Spitze gelegenen Klippe erbaut worden.
Auf dem Rückweg wandte ich mich zu der breiten Uferstrasse, (Drive, Queens road,) welche längs des ganzen Ostufers der Halbinsel, aber von diesem durch die Eisenbahn geschieden, bis nach dem Malabar-Hügel hinzieht und stetig eine prachtvolle Aussicht auf diesen und die Hinterbay darbietet. Ihre Länge beträgt wohl eine deutsche Meile. Hier und da sind Bahnübergänge zu Spielplätzen am Wasser, die fleissig von Gross und Klein benutzt werden. Die Uferstrasse selber ist Nachmittags belebt von Wagen und Fussgängern. Die meisten Wagen gehören den Parsi, dann kommen die Engländer, auch Damen, die selbst die Rosse lenken, dann vornehme Hindu, in rothem goldstrotzendem Turban, von Lanzenreitern gefolgt, und einzelne Mohammedaner.
Zwischen den Hauptgebäuden der Stadt und dem Ostufer liegt ein Reitplatz von der Gestalt einer längs gezogenen Ellipse, natürlich Rotten Row genannt. Denn der Engländer nimmt mit sich seine heimischen Sitten, Gebräuche, Namen, Neigungen überall hin, selbst bis zum Aequator und zu den Gegenfüsslern.