Fünfzig Jahre sind verstrichen, seitdem der erste Dampfer das pacifische Gewässer durchpflügte, der „Biber“[63] der Hudsonbay-Gesellschaft, dessen Wrack seit 1889 unter den Klippen von Burrard’s Einlass[64] hilflos seine Mastbaumspitzen aus dem Wasser emporstreckt. Und jetzt haben wir Stahlschiffe von 485 Fuss Länge und 51 Fuss Breite, schneeweiss gestrichen, um in der heissen Zeit die Cajüten kühler zu halten: für eine Fahrgeschwindigkeit von 19 Knoten gebaut und ungefähr 16 wirklich zurücklegend, mit Doppelschraube, dreifacher Expansionsmaschine, die 150 Tonnen Kohlen täglich verbraucht, mit wasserdichten Schotten und electrischer Beleuchtung.

Der Vergleich der atlantischen und pacifischen Dampfer drängt sich dem Reisenden von selber auf. Schönheit und Pracht hier wie dort; Bequemlichkeit im Osten noch grösser. Da die Ueberfüllung nicht so bedeutend ist, kann der Einzelreisende leichter eine eigne Cajüte erhalten, ohne den zweiten Platz zu bezahlen.[65] Es ist doch eine grosse Annehmlichkeit, für eine zweiwöchentliche Reise sich häuslich in seiner Cajüte einrichten und seine Sachen auspacken zu können. Es ist sogar ein Kleiderspind vorhanden. Die Bedienung in der Cajüte wie an der Tafel wird von Chinesen geleistet. Der Asiate ist von Natur ein besserer Diener,[66] als der Europäer, — wenn man nicht zu viel von ihm verlangt. Die electrische Klingel ist unnöthig. Ein leises Händeklatschen, wie überall in Ostasien, bewirkt das augenblickliche Erscheinen des Cajütendieners. Vom zweiten Tage an weiss er, dass ich mit Sonnenaufgang bade und danach in der Cajüte eine Tasse Thee nehme.

Bei Tisch nahen geräuschlos, auf ihren Filzsohlen, die bezopften, in blauseidne Röcke mit schneeweissen Aermeln gekleideten Aufwärter, über dem gelben, schlitzäugigen Antlitz das schwarze, beknopfte Käppchen, unter dem der lange schwarze Zopf herabhängt, und bringen dem Reisenden die Speisekarte. Freilich, ihr Englisch ist mangelhaft und lesen können sie nur ihre eigene Schrift. Deshalb gewöhnt man sich bald, von Vancouver bis Bombay, nicht das Gericht, sondern die Nummer[67] zu fordern. Immerhin ist das Auftreten der Ostasiaten als Aufwärter und Schiffsleute sehr geeignet, die Empfindung des fernen Ostens bei dem Reisenden hervorzurufen. Freilich, die herrschende Stellung hat der Kaukasier sich vorbehalten, — gradeso wie in dem Gasthaus von Wawona bei Yosemite in Californien, wo der Koch Chinese, der Kellner Neger, der Kutscher Halbblut, der Fischer Indianer, nur der Wirth ein weisser Mann war!

Auch die Reisegesellschaft war auf dem atlantischen Weltmeer ganz anders zusammengesetzt, als jetzt auf dem pacifischen.

Auf dem Zwischendeck der englischen Dampfer, von Liverpool nach New-York, herrscht der Irländer vor, der zu Hause in die frische Luft gesetzt worden, da man ihm, wegen Nichtbezahlung des Pachtzinses, das Dach der Hütte abgedeckt; und der nun schon unterwegs von Tammany-Ring und von einer Herrscherrolle in Staat und Gemeinde träumt.

Auf dem Zwischendeck des norddeutschen Lloyd von Bremerhafen nach New-York bilden deutsche Bauern mit ihren Familien und Handwerker die Mehrzahl, danach Slaven (Polen, Mähren) und Skandinavier. Bei gutem Wetter herrscht grosse Fröhlichkeit, „das deutsche Lied“ wird gesungen, auch „die Wacht am Rhein“, und „Deutschland, Deutschland über Alles“. Liederbücher und Abschriften einzelner Lieder wandern von Hand zu Hand. Es tönt die Fiedel und die Ziehharmonica, es tanzen Germanen und Slaven. Deutsche Werkmeister, die in den Vereinigten Staaten eine gute Stellung gefunden, kehren von ihrer Urlaubsreise heim. Natürlich fehlt nicht das Wandervolk Israel, namentlich aus dem „heiligen“ Russland; für sie stellt Amerika eine gute, wiewohl harte Schule dar: da kürzt sich Haar und Bart, der Kaftan wird zur Joppe, das schlaffe Wesen zu thatkräftigem Handeln; ihre freigeborenen Kinder zeigen keine Spur mehr von der russischen Sklaverei. Auf diesen Schiffen erinnern wir uns an die moderne friedliche Völkerwanderung über den atlantischen Ocean, welche weit beträchtlicher ist, als die alte der Germanen, die das römische Reich zerstört hat.

Auf dem pacifischen Ocean werden wir an die hunnischen und mongolischen Horden erinnert; wiewohl auch hier im 19. Jahrhundert Alles friedlich zugeht. Das Zwischendeck gehört nämlich den Chinesen, die von der pacifischen Küste Amerika’s, wo sie als Wäscher und Bügler, als Schneider und Schuster, als Köche und Aufwärter gewirkt und einige Ersparnisse gesammelt, in ihre Heimath, nach den Südprovinzen des grossen Reiches der Mitte, zurückkehren.

Der Unterschied zwischen atlantischer und pacifischer Seefahrt erstreckt sich sogar auf die Cajütreisenden, obwohl doch bei den sogenannten höheren Classen der Gesellschaft die allgemeine Cultur mehr und mehr alle Besonderheiten abschleift.

Auf dem Lloydschiff nach New-York herrscht der Deutsch-Amerikaner vor, der seine Einkäufe, hauptsächlich von Bekleidungsgegenständen und Metallwaaren, in Deutschland gemacht; seine Badereise nach Carlsbad oder Kissingen hinter sich hat, wo er dem durch das hastige Essen und die ungeheuren Mengen von Eiswasser geschwächten Magen zu neuer Ausdauer verholfen; seine Verwandten in Alldeutschland besucht, seine Kinder dorthin gebracht hat; — und nun wieder seiner Thätigkeit in den Vereinigten Staaten zustrebt: der Bierbrauerei, die dort so manchen deutschen Mann nicht bloss nährt, sondern reich macht, der Maschinenfabrik, der Korn- und Fleischgewinnung, dem Tabaks-, Oel-, Baumwollen-, Zuckergrosshandel, der Technik und Kunst, der Heilkunde.

Dazu kommen unternehmende Sendlinge deutscher Fabriken und Grosshandlungen, welche versuchen wollen, in den Vereinigten Staaten, trotz der hohen Zölle ihre Erzeugnisse abzusetzen, und ganz vereinzelte Vergnügungsreisende. Ferner trifft man auch noch neuerdings, seitdem die Bremer und Hamburger Linien so beliebt geworden, echte Amerikaner: solche, welche Europa „gemacht“ haben und noch einen Theil des angrenzenden Asien und Afrika dazu und mit Weib und Kind und mindestens 54 verschiedenen — Theelöffeln (aus den europäischen Hauptstädten sowie aus Tunis, Caïro, Jerusalem, Tiflis) heimkehren, um sie, nebst unbestimmten Reiseeindrücken, am ersten Nachmittag den erstaunten Nachbarn in St. Louis oder Cincinnati vorzulegen; nicht wenige Badereisende und Magenkranke; einige von Allen angestaunte sogenannte Millionäre, wenige Gelehrte und Staatsmänner.