Hinter dem Gebäude ist der Eingang zu dem grossen und schön gepflegten Victoria-Garten, der eine Fläche von 34 acres = 13½ Hektaren hat, auch eine stattliche Sammlung wilder Thiere besitzt und von der Stadt-Verwaltung mit einem Jahres-Aufwand von nur 10000 Rupien in Ordnung gehalten wird. So ein indischer Gärtner ist eben ein fleissiger und überaus genügsamer Mensch. Das Gitter öffnet ein Wärter, der auch durch Necken eines gefangenen Tigers einen Arm verloren. Eigenartig ist der Schlangen-Zwinger. Eine tiefe, ganz glatt ausgemauerte Grube enthält in der Mitte einen kleinen, künstlichen und gut bepflanzten Hügel mit höhlenartigen Löchern. Hier werden Riesen-Schlangen sowie auch kleinere gehalten und bewegen sich ungezwungen in völliger Freiheit, ganz anders als in unseren engen, künstlich geheizten Glas-Käfigen. Hier kann man beobachten, dass das Kriechen der Schlangen ein Vorschnellen oder plötzliches Strecken der Windungen des langen Leibes darstellt.

Malabar-Hügel besuchte ich an einem Tage, den ich ganz den Parsi gewidmet.

Auf der Fahrt durch Canada hatte ich in der Eisenbahn einen jungen Parsi, Doctor der Heilkunde, kennen gelernt, der aus London, wo er drei Jahre an Guy’s Hospital studirt, jetzt zurückkehrte, mit seiner jungen Frau, seiner zehnjährigen Schwester und seinen Eltern. Die letzteren drei hatten die Reise nach London erst einige Monate zuvor unternommen, um einen berühmten Nervenarzt zu befragen. Auf der langen Eisenbahnfahrt und der noch längeren Schiffsreise über den Stillen Ocean wurden wir gut bekannt, zumal es mir gelang, ein rheumatisches Kniegelenkleiden der Mutter ganz gut zu heilen. Die Leute waren sehr dankbar, gebildet, des Englischen mächtig. Da ich vorher Parsi noch niemals gesehen, so war natürlich meine Aufmerkkeit gefesselt; ich suchte sowohl über die körperlichen Eigenthümlichkeiten als auch über die religiöse Eigenart dieser uralten iranischen Vettern mir ein Urtheil zu bilden.

Da die Leute eine ziemlich helle Gesichtsfarbe haben und auf der Reise europäisch sich kleideten, so wichen sie wirklich im Aussehen nicht viel von Südeuropäern ab. Lächelnd erzählte mir der Doctor, dass seine Fachgenossen in London ihn wegen seines gut gepflegten Schnurrbartes für einen Ungarn gehalten hätten. Obwohl das Geschrei glaubenswüthiger Eiferer über Andersgläubige und Heiden mich nicht beeinflusst, war ich doch geradezu erstaunt, den Inbegriff der Parsi-Lehre zu erfahren:

Reine Gedanken, reine Worte, reine Handlungen. Zur Erinnerung an diese schon in ihrer Bibel, dem sogenannten Zend-Avesta,[607] betonten Dreiheit, umgürten sie den Knaben, sowie derselbe sieben Jahr alt geworden, mit dem heiligen Gürtel (Kosti oder Kuschti), und tragen denselben stets, um durch seine drei Schnüre an die drei Hauptgebote ihrer Tugendlehre erinnert zu werden. Und sie handeln auch danach. Man kann bei ihnen, im Vergleich mit ihren britischen Herrschern, einen sittlichen Mangel nicht entdecken, eher eine gewisse Ueberlegenheit. Sie sind redlich im Geschäft und unendlich wohlthätig. Die Missionare hatten gar keine Erfolge bei den Parsi, wie die letzteren lächelnd mir mittheilten, und die englischen Bücher, die ich gelesen, vollauf bestätigen.

Wenn ein übereifriger, ungelehrter Reverend unsrer Tage sie Heiden schilt, werden sie sich zu trösten wissen, — mit dem alten Propheten Jesajas,[608] der ihren König Koresch (Cyrus) den Gesalbten und den Hirten Gottes genannt; mit der Angabe des wahrheitsliebenden Herodot,[609] dass die Perser Bildsäulen und Tempel nicht errichten, weil sie nicht, wie die Hellenen, glauben, dass die Gottheit von Menschenart sei; da sogar einzelne vorurtheilsfreie mohammedanische Schriftsteller wie Sharastani († 1153 n. Chr. zu Bagdad) die Religion der Parsi mit der der Juden, Christen, Moslemin zusammengestellt; da kenntnissreiche und vorurtheilsfreie Forscher unserer Tage, wie namentlich Haug,[610] ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen und den edlen Kern ihrer Lehre hinter der krausen Hülle zu finden wissen; da endlich ihre ältesten und heiligsten Gesänge nur den einen allmächtigen Gott lehren und preisen.

Der Gründer ihrer, der altiranischen, Religion ist Zoroaster (Zarathuschtra), der vielleicht um das Jahr 1000 v. Chr. (in Ost-Iran) gelebt hat. Die Quelle ist das Buch Zend-Avesta, d. h. Erklärung vom Gesetz.[611]

In der altiranischen Sprache, die in Europa missbräuchlich Zend genannt wird und die sowohl mit dem ältesten Sanskrit der Veden nahe verwandt als auch mit dem Altpersischen (der Keilinschrift-Sprache der Achaemeniden-Könige Kyrus, Dareios, Xerxes) fast identisch ist, wurden die Lehren des Zoroaster und seiner Jünger gesammelt; aber diese an Biegungen ausserordentlich reiche Sprache hörte schon mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt auf, gesprochen und verstanden zu werden und wurde später durch das abgeschliffene, einfachere und von semitischen Worten ganz durchsetzte Pehlwi (Pahlavi) verdrängt. Die Angaben, welche die alten Griechen über die Religion der Perser uns hinterlassen haben, werden durch die heutige Erforschung des Zend-Avesta vollkommen bestätigt, ebenso durch die Entzifferung der Keilinschriften des Königs Dareios, welche beweisen, dass die Religion des Zoroaster, die Verehrung Gottes (Ahura masda), der Zeit in Persien die herrschende gewesen.