Nachdem Alexander der Grosse Persien erobert, in seiner Trunkenheit auch den Palast zu Persepolis mit der Hauptbücherei der masdagläubigen Lehre verbrannt hatte, verfiel die alte Religion unter der griechischen Fremdherrschaft und gedieh auch unter der Krieger-Herrschaft der turanischen Parther aus Khorasan (der Asarkiden von 256 v. Chr. bis 226 n. Chr.) nicht sonderlich, weshalb bei der Wiederherstellung des alten Glaubens unter den Sassaniden des mittelpersischen Reiches (226 n. Chr.) nach mehr als fünfhundertjähriger Nichtachtung nur noch geringe Ueberreste der alten Bücher sich vorfanden, die in die damals übliche Schriftart[612] umgeschrieben und mit einer Uebersetzung ins Pehlwi oder Mittelpersisch versehen wurden. Der Name Zend-Avesta kam erst damals auf; unter der Erläuterung wurden die Erklärungen in Pehlwi verstanden, welche die Priester dem ihnen wenig verständlichen Text hinzufügten. Im Jahre 636 n. Chr. wurde Jesdegerd III. von den Arabern besiegt; die Mohammedaner wütheten mit Feuer und Schwert gegen die „Heiden (Geber) und Feueranbeter“, vermochten aber ihre Lehre in Iran erst im Laufe einiger Jahrhunderte ganz auszurotten.
In der That sind jetzt nur noch 3000 Familien der Parsi zu Jedz (in der Provinz Irak-Adschmi, südlich von Teheran,) übrig geblieben, rings umgeben von den schiitischen Mohammedanern des neupersischen Reiches, das, nachdem die Völkerwogen der Seldschucken und Mongolen vorüber gefluthet, 1502 vom Schah Ismael Safi begründet worden ist.
Ein Häuflein Parsi, welche den Mohammedanern und ihrem Glauben sich nicht unterwerfen wollten, wanderte 711 n. Chr. aus. Sie nahmen das heilige Feuer[613] mit, das sie bis auf den heutigen Tag unterhalten, gelangten schliesslich nach Guzerat, erwirkten hier in Indien Duldung und zogen, wie die Macht der Engländer erstarkte, nach Bombay. In dieser Stadt leben jetzt 50000, in dem übrigen Theil der Präsidentschaft 25000, im sonstigen Indien nur noch wenige Hundert. Ihre Sprache ist Guzerati, doch lernen die Männer alle Englisch. Ihre heiligen Schriften haben sie aufbewahrt und gelegentlich auch aus Persien ergänzt.
So gelang es dem französischen Gelehrten Anquetil Desperons, der 1755 unter unsäglichen Entbehrungen nach Ostindien reiste und sieben Jahre dort verweilte, von einem Dastur (Parsen-Priester) eine Handschrift des Zend-Avesta zu erhalten sowie eine neupersische Uebersetzung, die er 1771 in französischer Uebertragung oder vielmehr Umschreibung herausgab. Die Zweifel der Engländer über das Alter der Schrift und sogar über die Echtheit der Sprache wurden 1826 von dem dänischen Sprachforscher Rask beseitigt, der ihre Verwandtschaft mit dem Sanskrit erkannte, und von Eugen Bournouf, der ihre Grammatik feststellte und Avesta-Texte herausgab (1829–1843). Seitdem hat man auch auf diesem dunklen Gebiete des Wissens Fortschritte gemacht. Europäische Gelehrte verstehen das Gefüge der Avesta-Sprache besser als die Dastur zu Bombay und Surat. Heutzutage können wir in der deutschen Uebersetzung von Spiegel (Leipzig, 1852–1863), weit besser aber in der von Haug (Leipzig, 1858–1860) und in dessen umfassendem Werk,[614] sowie in den von Max Müller herausgegebenen Sacred books of the East die uralten heiligen Gesänge (Gâthâs[615]) des Zoroaster mit Bequemlichkeit lesen.
Der leitende Gedanke von Spitama Zarathushtra war in der Glaubenslehre die Einheit Gottes, in der Weisheitslehre die Zwiefältigkeit der Dinge, der guten und der bösen, in der Sittenlehre die Dreifältigkeit (Gedanken, Worte, Thaten). Er war einer der tiefsinnigsten Denker jener uralten Zeit und ist als solcher auch schon von den alten Griechen anerkannt worden. Gott heisst in den alten Gesängen des Zarathushtra Ahurô mazdâo,[616] lebendiger Schöpfer des All. Ein böser Geist von ähnlicher Kraft ist der ursprünglichen Lehre fremd. Der Feind, gegen den Ahura kämpft, ist die Lüge (drukhsh). Auch in den Felsinschriften des Darius ist nur ein Gott (Auramazda), wie Jehovah im alten Testament.
Allerdings wird schon in den alten Gesängen dem Ahuramazda ein wohlwollender Geist (Spento mainyush) und ein strafender Geist (Angro mainyush) zugeschrieben. Später wurde dann Spento mainyush als Name des Ahuramazda (Ormazd) aufgefasst und Angro mainyush (Ahriman) als sein Widersacher.
So entstand die Zweiheit von Gott und Teufel, Himmel[617] und Hölle; die Lehre von der Auferstehung und dem jüngsten Gericht.
Die Parsi in Bombay sind kluge, thatkräftige, einflussreiche Leute. Sie herrschen im Grosshandel von Shanghai und Hongkong bis nach Calcutta und Bombay und von hier weiter nach Aden und bis nach London. Da das Gemeindewahlrecht in Bombay an eine hohe Steuer (von mehr als 100 Mark im Jahr) gebunden ist; so stellt die kleine, aber wohlhabende Gemeinde der Parsi ein Drittel der Wahlberechtigten. Viele studiren Rechtswissenschaft, auch in England; einige haben es schon bis zum Oberrichter gebracht. Sie halten treu zur Regierung. Aber grade bei ihnen hörte ich die durchaus gerechte Forderung: Indien den Indern. Die rücksichtslose Ausbeutung Indiens durch die Engländer soll aufhören; den in Indien geborenen Unterthanen der Königin Victoria soll Zutritt zu den höheren Aemtern gewährt werden.
Die grossen Schenkungen der reichen Parsi zum Allgemeinwohl und ihre häusliche Gastfreundschaft lässt der Brite sich wohl gefallen; aber auf dem Fuss der Gleichheit will er mit ihnen nicht verkehren. Die Parsi sollen nicht einmal in den Speisesälen von Watson’s Gasthaus am Tisch sitzen dürfen. Daran kehrte ich mich allerdings nicht und nöthigte meinen bescheidenen Freund, an meiner Seite zu sitzen, — unbekümmert um die hochmüthigen und ärgerlichen Gesichter der Engländer; darüber zu reden wagte keiner von ihnen.
Am Vormittag besuchte ich den jungen Parsi-Doctor, der in dem Hause seiner Eltern zu Cumballa Hill wohnt. Das ist eine hübsche und hoch gelegene Vorstadt, nördlich vom Malabar-Hügel. Die Parsi besitzen schöne Häuser; ihnen gehören sogar die meisten der auf dem Malabar-Hügel belegenen Bungalow (Bangalo), welche für 300 bis 600 Mark monatlich an Europäer vermiethet werden.