Die Einrichtung der Empfangsräume, die Erfrischungen, welche mir vorgesetzt wurden, waren ganz europäisch. Die Kleidung der Damen aber war um eine leichte Abstufung wieder mehr morgenländisch, d. h. gefälliger geworden. Der Parsi hat nur eine Frau; diese versteckt er aber nicht.
Nachmittags fuhren wir, nachdem der Erlaubnissschein schon vorher beschafft worden, zu dem Parsi-Friedhof (Dhakma, Thurm des Schweigens), der auf dem höchsten Punkt des Malabar-Hügels steht, 150 Fuss über dem Meere, gerade da, wo die zugespitzte westliche Halbinsel aus dem viereckigen Hauptkörper der Insel Bombay frei wird. Ein reicher Parsi, der schon mehrfach genannte Sir Jamshidji Jijibhai, hat auf seine Kosten die schöne Strasse an der Nordseite des Malabar-Hügels angelegt und 100000 Quadratmeter Land dem Friedhof geschenkt.
Durch das äussere Thor der Umfassungsmauer steigt man 80 Stufen empor zu dem inneren, wo ein Parsi-Beamter die Führung übernimmt und dem Fremden einen Blumenstrauss bietet. Ob dies immer geschieht oder mir ausnahmsweise geboten wurde mit Rücksicht auf meinen Parsi-Freund, vermag ich nicht zu sagen.
Zuerst erreicht man ein schmuckloses Steinhaus, wo Gebete gesprochen werden, wenn der Todte vorüber getragen wird. Von hier hat man eine herrliche Aussicht auf Bombay.
Zur Linken erscheinen die Hügel des Nordendes (Mazagaon, an der Ostseite der Insel) und die grossen Schornsteine, geradeaus am Fusse des Hügels ein dichter Palmenwald, in dem die Hütten der Eingeborenen verschwinden, zur Rechten, jenseits der Hinterbay, der Victoria-Halteplatz, die Kathedrale und die amtlichen Gebäude.
Einen Leichenzug habe ich nicht gesehen, aber die Beschreibung gehört und gelesen. Vier Leichenträger tragen die Leiche auf einer Bahre, dann folgen zwei bärtige Männer, die allein den Thurm des Schweigens betreten und die Leiche im Innern niederlegen, endlich 100 Parsi-Männer in langem Zug, zu zwei und zwei geordnet.
Ins Innere der fünf weissgetünchten Thürme hat, ausser den dazu Angestellten, Niemand Zutritt, nicht einmal ein Parsi, geschweige denn ein Fremder; nichtsdestoweniger wissen wir ganz gut, wie es darin aussieht, da die Parsi selber genau ausgeführte Modelle nebst Beschreibung an die Museen von Bombay, Calcutta, London und andrer Städte vertheilt haben; auch im Völkermuseum zu Berlin ist eine solche Darstellung.
Der grösste Thurm, der 30000 £ gekostet, hat einen Durchmesser von 40 Fuss und eine Höhe von 25 Fuss. Auf einer Treppe steigen die Todtenträger empor zu der Oeffnung, die 8 Fuss über dem Erdboden liegt und 5½ Fuss breit wie hoch ist. Das Innere bildet eine Fläche, welche abwärts geneigt ist gegen den mittlern Schacht von 5 Fuss Durchmesser und durch Zwischengänge in drei breite, concentrische Reihen geschieden wird, die ihrerseits wieder durch strahlenförmig angeordnete Zwischenwände in zahlreiche Felder getheilt werden. In der äusseren Reihe finden die Leichen der Männer, in der mittleren die der Frauen, in der inneren die der Kinder ihren Platz. Sowie der vollkommen nackte Leichnam niedergelegt, die Thür geschlossen ist, die beiden bärtigen Männer fortgegangen sind; stürzen sich die zahlreichen, grossen Geier, welche die benachbarten Bäume bewohnen, durch die obere Oeffnung des ganz unbedeckten Thurmes auf den Todten, und in weniger als 30 Minuten ist nur noch das Knochengerüst übrig. Dies trocknet in der Sonne und freien Luft und wird dann in den tiefen Schacht geworfen, wo es zu Staub zerfällt. Das eindringende Regenwasser wird ab- und durch eine dicke Schicht Kohle hindurch geleitet, so dass es vollkommen geruchlos schliesslich in die See fliesst. Der Staub füllt den Schacht so langsam, dass der letztere in 40 Jahren erst um 5 Fuss sich erhöht hat. Ich sah übrigens die Geier nicht auf den Bäumen sitzen, sondern auf der oberen Rundung des Thurmes; alle waren regungslos, die Köpfe nach innen gerichtet, wie eine phantastische Zinnenkrönung des Gemäuers. Fünf derartige Thürme sind vorhanden, alle ganz einfach gebaut und weiss getüncht.
Diese Art der Bestattung hat einen doppelten Ursprung: einmal wollen die Parsi nicht mit den für unrein gehaltenen Todten das heilige Feuer beflecken, noch die als Element verehrte Erde; sodann soll im Tode, nach dem Wort des Zerduscht,[618] Reich und Arm sich begegnen. Gewiss wird der Brauch Vielen grässlich erscheinen; aber wer den einsamen, schön geschmückten Garten mit den feierlichen Cypressen und den geheimnissvollen, nie betretenen Thürmen des Schweigens gesehen, kommt bald zu andrer Anschauung, vor allem zu einer Achtung der fremden Ueberzeugung. Glauben doch die Parsi so innig an die Auferstehung der Frommen, wie nur irgend ein gläubiger Europäer. Und eine weitere Ueberlegung kann Jedem sagen: was hier die Geier in einer halben Stunde vollenden, das machen auf unseren Friedhöfen die Würmer in längerer Zeit. Seien wir weniger nachsichtig gegen unsere Fehler, dann werden wir gerechter sein gegen Andersdenkende. Sir Lyon Playfair[619] sagt über diesen Gegenstand Folgendes: „Ich bin amtlich mit der Untersuchung verschiedener Kirchhöfe betraut worden, um über ihre Beschaffenheit zu berichten. Die Erinnerung an das, was ich gesehen, macht mich heute noch schaudern. Das Grab sollte, mit dem Auge der Wissenschaft, als ein Verbrechen gegen die Lebenden und als eine Entehrung der Todten angesehen werden.“[620]
Wer von dem Parsi-Friedhof auf der Halbinsel des Malabar-Hügels weiter südwärts fährt, sieht östlich die schönen Gartenanlagen, die am Ostabhange des Hügels geschaffen sind, mit Rasenplätzen und Bänken an den schönsten Aussichtspunkten; ferner die zahlreichen Bungalow, die in Gärten liegen, und von europäischen Kaufleuten, Rechtsanwälten, Aerzten, Consuln bewohnt werden, zum Theil auch — leer stehen, wegen der schlechten Zeiten, und an den Eingangspforten Vermiethungszettel zeigen; gelegentlich auch das abenteuerlich geschmückte und bemalte Schloss eines einheimischen Fürsten. Manche von diesen Häusern haben gewaltige Unterbauten, wie in den abschüssigen Theilen von Neapel, erfordert.