Aber merkwürdiger ist das nahe der Südostküste der Halbinsel belegene heilige Dorf der Hindu, Walkeschwar, d. h. des Sandes Herr. Rama, der göttliche Held, eine Verkörperung von Wischnu, hat auf dem Wege von Ayodha nach Lanka, um seine von dem bösen Ravana entführte Braut Sita zu suchen, hier eine Nacht gerastet. Da ihn dürstete, schoss er einen Pfeil in den Boden: sofort erschien der heilige Teich (Vanatirtha, Pfeil-Teich), der heute noch verehrt und rings mit kleinen Kapellen und Häusern von Brahmanen umbaut ist. Und da der heilige Linga, den ihm sein Bruder jeden Abend aus Benares durch einen Geist schickte, nicht rechtzeitig ankam, so bildete er einen neuen aus dem Sand des Bodens.

Höchst anmuthig sind die nackten Kinder, die hier spielen. Nur Brahmanen wohnen in dem heiligen Dorf. Aber leider haben sie, in ihrer Frömmigkeit, gegen die Impfung der Europäer zu sehr sich gesträubt; von den zwölf Erwachsenen, die uns neugierig umgaben, zählte ich sechs, die durch Pocken ein narbendurchfurchtes Gesicht und Verlust je eines Auges zu beklagen hatten.

Grässlich sehen die Büsser aus, die, ihrem frommen Wahn folgend, mit wirrem Haar, aschebeschmiertem Gesicht und unbekleidet auf der Erde sitzen und scheinbar an der irdischen Welt keinen Antheil nehmen.

Der heilige Teich ist ganz hübsch, rings herum hegen die kleinen Hindu-Tempel mit Nandi und Linga und auch Häuser der Frömmsten; auf den Zugangsstrassen aber Rasthäuser für Pilger, von wohlhabenden und wohlthätigen Hindu errichtet.

An der äussersten Südspitze der Malabar-Halbinsel (etwa eine deutsche Meile von dem Fort) befindet sich der Palast des Statthalters. (Gouvernements house at Malabar Point.)

Es ist ein anspruchsloses, etwas grosses Bungalow, gegen 100 Fuss über der See, mit schattiger Vorhalle, grossem Garten, Dienst- und Wacht-Gebäuden. Etwas tiefer, an der Endspitze der Halbinsel, liegt eine Batterie. Der Fremde wird von den Schildwachen höflich gegrüsst und von den prachtvoll gekleideten Dienern in die Vorhalle geleitet, wo er seinen Namen in das Buch einträgt.

Die Rückfahrt längs der Ostküste der Halbinsel (Breach Candy) um Cumballa Hill ist gegen Abend sehr angenehm.

Nach dem Abendessen fuhren wir zum Parsi-Theater. Das ist ein ganz stattliches, ordentliches Gebäude mit einem Halteplatz für Wagen, einer Erfrischungshalle, wo Selterswasser, Wein, Süssigkeiten zu haben sind, mit geräumigem Sperrsitz, zahlreichen Rängen und guter Gasbeleuchtung.

Ausser mir und einem österreichischen Herrn aus meinem Gasthaus, der mich begleitete, war kein Europäer zugegen. Aber das Haus war gut gefüllt: die Frauen alle, jung wie alt, in die kleidsamen Tücher gehüllt, welche das Antlitz mit blumig gesticktem Saum umrahmen, und in zarte Seidenstoffe gekleidet; die Männer ganz oder halb europäisch angezogen, mit ihren hohen Spitz-Hüten.

Das Stück, welches gegeben wurde, war — Molière’s Geizhals, aber nicht in sklavischer Uebersetzung, sondern in freier Nachdichtung und natürlich in der Umgangssprache der Parsi (Gujerati). Soweit es ging, waren Hindu die Bösewichter, Wucherer und Ränkeschmiede; Parsi die edleren, wenngleich leichtlebigen Gesellen. Die aufgeklärten, nach der neuesten Mode gekleideten, sogar Cigarren rauchenden, Kneifer tragenden[621] Mitglieder der goldenen Jugend wurden in sehr belustigender Weise den ehrwürdigen, strenggläubigen Alten gegenüber gestellt; die Frauen-Rollen recht anmuthig von jungen Damen gegeben. Es war offenbar ein Stück des thatsächlichen Volkslebens auf die Bühne gebracht, für mich weit anziehender und geschmackvoller, als das englische „Volksstück“ the lights of London, welches ich in New York gesehen.