Brief aus Roza bei Ellora. Donnerstag, den 29. December 1892. — Diesen Brief schreibe ich im Grabe. Es ist aber natürlich nicht mein eigenes, sondern das — eines längstverstorbenen Mohammedaners, eine hohe und stattliche, kuppelgekrönte Halle, welche die britischen Officiere innen ausweissen und zu einem Rasthaus einrichten liessen, für sich und für den ihnen empfohlenen Reisenden.

Es kann aber leicht das Grab des letzteren werden, wenn er nicht gradwegs zur Thüre heraustritt, sondern schräg, da von den vier Ecken des Gebäudes häufig grosse Gesims-Steine herabstürzen.

Als ich Abends mein Bett aufsuchte, lag ich augenblicklich auf der Erde, da der Boden des Bettes nachgab; nachdem ich selber es in Ordnung gebracht, schlief ich ganz gut.

Die Verpflegung war auch so, wie sie Grabes-Anwärtern zukommt, Hackfleischklöschen, Reis und Eierkuchen; als Getränk wurde uns nur Wasser vorgesetzt, das ich verschmähte, und Thee, den ich mir munden liess.

Vergeblich war der Versuch, von den Lebenden des Ortes eine Flasche Bier zu erhandeln. Unverrichteter Sache kehrten unsere beiden Sendboten zurück. Vergeblich war auch der Versuch, einen Zehn-Rupien-Schein zu wechseln.[636] Da unser Hartgeld auf die Neige ging, kamen wir in seltsame Verlegenheit, bis ich meines Reisegefährten Hindu-Diener, der dies ganz ruhig mit angesehen, plötzlich anfuhr mit der Frage: „Wie viel Geld haben Sie bei sich? Geben Sie her.“ Erschrocken reichte er sein Vermögen, am Abend erhielt er es nebst einem Trinkgeld zurück. Jetzt konnten wir die Rückreise antreten. — — — —


Unser Wagen kommt nicht pünktlich. Erst nach 7 Uhr Morgens fahren wir ab. In dem kleinen, ehemals ummauerten Ort Ellora sehen wir einen Hindu-Tempelbezirk, der den Vorzug hat, neu, sauber und wohlgepflegt zu sein. Inmitten liegt der heilige Teich, allseitig umgeben von hohen, gutgearbeiteten und auch gefälligen Granitstein-Treppen und von zahlreichen, kleinen, offenen Tempelchen aus rothem Sandstein, deren jedes oben den Bischofsmützen-Thurm trägt und innen den Linga-Stein beherbergt oder den gemüthlich dreinblickenden Gott mit dem Elephantenkopf oder einen andern in kleiner Ausgabe.

Nachmittags erlebten wir einen Radreifenbruch. Wir liehen uns in einem Dorf das Rad eines Ochsenwagens und befestigten es mit Stricken, so gut es ging, an der Achse.

Uebrigens beuteten die guten Leute unsre Verlegenheit nicht aus. Sie forderten nicht 20 Rupien, was wohl in manchen Gegenden von Europa vorgekommen wäre, sondern nur 12 Annas, und bedankten sich höflich, als ich ihnen 16 gab.

Abends 7 Uhr kamen wir glücklich wieder in Nandgaon an, erhielten ein ordentliches Essen und Kleingeld und fuhren Nachts mit dem sogenannten Schnellzug nach Bombay. (178 englische Meilen = 284 Kilometer in 10 Stunden, keine sonderliche Leistung.)