Jetzt komme ich zur Beschreibung der Fahrt und meiner geringen Erlebnisse auf derselben.
Der Hafen von Vancouver ist prachtvoll und tief; das grosse Schiff liegt unmittelbar am Ufer, so dass wir zu Fuss über die Brücke an Bord gehen; und wenige Schritte entfernt von dem Schienenstrang der Eisenbahn, welche den nordamerikanischen Continent bis Halifax in Neu-Schottland durchquert. Alles, was der Dampfer zur Ausrüstung braucht, ist aus der nächsten Umgebung zu beschaffen, Kohlen aus Nanaimo auf der Insel Vancouver. Der deutsche Reisende wünscht von Herzen, dass wir auch einen solchen Hafen an der Weser besässen.
Entzückend ist die Ausfahrt um 4½ Uhr Nachmittags, aus Burrard’s Einlass, des von hohen, dicht bewaldeten Bergen umgebenen Meerbusens, an welchem die Stadt Vancouver liegt; durch den schmalen, mit Leuchtthürmchen wohl versehenen Engpass in die schönumwaldete englische Bay und dann in den eigentlichen Puget-Sund südwestlich, zwischen flachen Inseln, nach der Strasse San Juan di Fuca, welche die zum Dominion Canada gehörige Insel Vancouver von dem Festlande von Washington trennt, das erst vor Kurzem die Kinderschuhe des Territoriums ausgezogen hat und zu einem Staat in dem Bunde der Vereinigten Staaten Nordamerikas befördert ist. Victoria, auf der Insel Vancouver, die Hauptstadt von Britisch Columbia (mit 20000 Einwohnern), erreichen wir erst spät Abends 9½ Uhr und bleiben daselbst vor Anker bis zum nächsten Morgen um 6½ Uhr.
Meiner Gewohnheit getreu, bin ich des Morgens der Erste auf Deck und erblicke zur Rechten die lang gestreckte, dicht bewaldete, aber bisher noch wenig besiedelte Insel Vancouver, zur Linken die vorspringende Halbinsel des Festlandes, die den Vereinigten Staaten gehört. Zunächst ist das Wetter sehr schön, die Sonne bestrahlt das Schiff und die Wellen. Bald aber erhebt sich Nebel und umgiebt uns immer dichter. Es ist ein sehr merkwürdiger Anblick, wie im Nebel der Horizont näher und immer näher an uns heranrückt, dann plötzlich weiter wird, um rasch wieder sich zu verengen.
Die Sonne sieht aus wie weisses Silber, ganz ähnlich, wie ich sie in Aegypten zur Zeit des Sandsturmes gesehen.
Das Nebelhorn ertönt. Das Schiff fährt so langsam, dass wir die Fortbewegung kaum bemerken. Nachmittags um 3 Uhr sind wir noch nicht hinaus über die langgestreckte Insel Vancouver.
Der dritte Tag der Seefahrt beginnt wieder mit schönem Wetter. Trotz einiger Wolken bestrahlt die Sonne das Meer, das so spiegelglatt ist, wie in jenen Tagen, wo es den Namen des friedlichen erworben, und zeichnet eine breite, goldige Furche hinter dem westwärts eilenden Schiff.
Mittags wird das Wetter rauher, das Schiff mehr bewegt, so dass etliche Fälle von Seekrankheit vorkommen. Es fängt an zu regnen und regnet bis zur Nacht.
Inzwischen hatte ich einen vortrefflichen Zeitvertreib ausfindig gemacht. Im Rauchzimmer fand ich einen munteren Kreis gleich mir seetüchtiger Männer, Engländer und Amerikaner, Kaufleute und Beamte aus Ostasien, sowie einige Vergnügungsreisende, Juristen und Gross-Kaufleute, die studirt hatten, zum Theil sogar in Deutschland. Schnell wurde ein Club gegründet und munter verhandelt. Hauptgegenstände der Erörterung waren der Unterschied von Amerika und Europa, sowie Freihandel und Schutzzoll. Es giebt doch auch sehr gebildete Amerikaner, die James Bryce’s klassisches Werk „the American commonwealth“ nicht bloss selber kannten, sondern auch mir seine Bekanntschaft vermittelten: ich nenne sie die Boston-Leute, obwohl sie nicht alle aus Boston stammen; nur sind sie selten unter der grossen Zahl der mit Hilfe der erworbenen Dollar allenthalben umherreisenden Amerikaner.
Da hörte ich sehr richtige Ansichten über die Grösse und über die Schwächen des mächtigen Reiches der Vereinigten Staaten. Ungeheuer waren die materiellen Schwierigkeiten, die man zu überwinden hatte, um Urwälder auszurotten, Prairien in Weizenfelder zu verwandeln, den eisernen Schienengürtel durch Wüsteneien, Hunderte und Tausende von Meilen lang, von dem einen Weltmeer zum andern zu befestigen. In diesen Kämpfen erstarkte die Thatkraft und der Erfindungsgeist. Auf diesen Gebieten ist Amerika gross. Was ihm noch fehlt, ist die theoretische Wissenschaft, die Verfeinerung in Kunst und Geschmack. Hier haben sie von andern Völkern zu lernen und, wie die Einsichtigen richtig zugestehen, auch von Deutschland, das seit 50 Jahren eine so bedeutende Stellung in der Wissenschaft einnimmt.