Da merkte ich bald, dass in den Vereinigten Staaten noch andere Leute leben, als jener Möbelfabrikant von dem Dampfer des norddeutschen Lloyd, der sein Vaterland mit einer chinesischen Mauer umgeben wollte, um alle fremden Erzeugnisse auszuschliessen, weil ja die 60 Millionen der eignen Bürger ein genügendes Absatzgebiet sicherten, und alle Naturschätze für das menschliche Bedürfniss im eignen Lande zu haben wären. Hier gab es unter Fabrikanten und Kaufleuten verschiedene, die diese Fragen gründlich und praktisch studirt hatten und die Ueberzeugung aussprachen, dass die Abschaffung der Schutzzölle ihrem Vaterlande zum Segen gereichen würde. Ich lernte auch Manches über die Einrichtungen unseres Vaterlandes; denn das ist der grosse Vortheil des Reisens, dass man die Urtheile der ferner Stehenden vernimmt. An unserer socialen Gesetzgebung hatten sie Manches auszusetzen. Die Regierung mache sich dem Bürger zu sehr fühlbar. Die Arbeiterschutzgesetze in ihrer jetzigen Form ziehen künstlich Entschädigungsansprüche gross und fördern die Heuchelei.
Etwas Wahres ist daran; das hatte ich selber in ärztlichen Begutachtungen von Unfällen zu oft erfahren müssen.
Freimüthige Urtheile über die heimischen Zustände nimmt der Reisende, wenn er nicht beschränkt ist, gern entgegen; Angriffe wehrt er muthig ab: und mit Erfolg, selbst wenn er unter Fremden allein steht.
Der gewöhnliche Yankee ist vielfach in dem Wahn befangen, dass Europa und besonders Deutschland Ketten rassele. Hier hatte ich leichtes Spiel, ich konnte nachweisen, dass in dem „freien“ Amerika weit mehr arretirt wird, als bei uns; dass Ketten rasselnde Sträflinge nicht bei uns, wohl aber noch vor wenigen Jahren in Portland auf den Strassen zu sehen waren.
Noch am vierten Tag begleiteten uns grosse dunkle Seemöven; mit gewaltiger Flügelspannung schweben sie prachtvoll und lieben es, gelegentlich die Flügelspitze an dem Wellenbug zu netzen; sie fliegen schneller, als wir fahren, denn trotz der grossen Bögen, die sie seitwärts beschreiben, kommen sie doch mit. Am folgenden Tag sind sie fort. Wir sind allein auf der gewaltigen Wasserwüste des stillen Oceans, dessen Breite bewirkt hat, dass Cipangu, nach dem Columbus ausgesegelt, doch noch zwei Menschenalter länger in seiner weltfernen Einsamkeit ungestört verblieben ist, als das derzeit unbekannte und ungeahnte Amerika.
Am sechsten Tag der Seefahrt (Montag, den 5. September) sind wir nahe der Ostgrenze der Alëuten, das Wetter wird schlechter. Am folgenden (Dienstag, 6. September) haben wir den Sturm, und zwar aus Osten, so dass wir 15 Knoten durch die Maschine machen und zwei dazu durch den Wind. Der Himmel ist dunkelgrau, das Schiff ächzt und knackt. Die haushohe, schaumbedeckte Woge klatscht gegen das wohlverwahrte Sturmfenster des Oberdecks. Sowie ich das Verdeck betrete, werde ich gegen die Brüstung geschleudert. Aber es geht mir besser, als dem ersten Officier, der sofort das Schlüsselbein bricht. Ich gewinne einen sicheren Sitz und Halt auf einer angeschraubten Bank des Verdecks und geniesse das erhabene Naturschauspiel, dem Weniges gleichzustellen ist, höchstens ein Gewitter in den Tropen. Sowie das Schiff seitwärts sich bewegt, sieht es aus, als ob die haushohe Wassermauer über uns zusammenstürzen müsste, um uns im Schaum zu begraben; aber sofort hebt sich das muntere Schiff wieder empor und tanzt auf dem Wellenberg weiter. Wir sind unter der Mitte der Alëuten. Die meisten Reisenden waren krank, da der Sturm den ganzen Tag hindurch wüthete.
Nur wenige erschienen zum Mittagsmahl. Aber die Mitglieder unseres philosophischen Clubs behaupteten ihre Stellung im Rauchzimmer; freilich mussten wir oft den Fuss gegen den angeschraubten Tisch stemmen, um nicht vom Stuhl herunter zu Boden geschleudert zu werden.
Endlich um 10½ Uhr Abends ging der Mond auf und besänftigte die Wuth der Wogen. Die Sterne erglänzten mit mildem Schein. Es war wieder möglich, auf dem Verdeck zu spazieren. In der Cajüte fand ich alles durcheinander geworfen, das obere zu unterst gekehrt.
Als wir am andern Morgen erwachten, am achten Tage der Seefahrt, schrieben wir nicht Mittwoch, den 7. September, sondern Donnerstag, den 8. September.
Heutzutage ist die Sache Jedem bekannt, wenn nicht aus der Schule, so doch aus dem Theater. Aber Jules Verne hat in seiner „Reise um die Erde in 80 Tagen“ (die Jedem, der die Reise wirklich gemacht, doppelt dumm vorkommt,) das Motiv nicht erfunden. Bereits 350 Jahre früher waren Magalhães’ Reisegefährten, welche zum ersten Mal die ganze Erde in westlicher Richtung umkreist hatten, in das grösste Erstaunen gerathen, als sie, nach Spanien zurückgekehrt, in ihrem Schiffskalender um einen Tag zurück waren; sie glaubten zunächst, dass sie unterwegs vergessen hätten, einen Tag zu verzeichnen.