Aber die Engländer haben mit ihrem unleugbarem Geschick aus dem Felsennest etwas ordentliches gemacht.
Als sie Aden einnahmen, zählte der uralte Welthafen nur 6000[642] verarmte Bewohner in zerfallenen Hütten, jetzt sind es 41000. Zwei Völkerstämme kommen hauptsächlich in Betracht: Araber und Somali,[643] während reine Neger nur sparsamer vertreten sind. Die Araber sind gedrungen und kräftig, hellbraun, mit langem, schwarzem Haar. Die Somali, Mischlinge von Arabern und Galla-Negern, übrigens auch Mohammedaner, sind lang, dünn, schwarz, mit gelocktem Haar, das sie gern gelbroth färben. Die Somali sind die Bootsleute und Kutscher, die Araber erheben sich bis zum Kaufmannstand, doch machen ihnen Parsi und Hindu den Gewinn streitig.
Die Besatzung besteht aus Hindu (Sepoy). Dazu kommen 200 Juden, die an der Stirnlocke kenntlich sind, und etwa ebenso viele Europäer, — Officiere, Baumeister und Ingenieure, Hafenbeamte, Kaufleute.
Den von Natur schon fast uneinnehmbaren Felsen haben die Engländer durch Bauten noch stärker befestigt und so ein Gibraltar des Ostens geschaffen.[644] Die Stadt Aden haben sie neu gebaut und bei Steamer Point an der Nordwestecke der Insel tüchtige Anlagen für den Schiffsverkehr hergestellt und einen Freihafen geschaffen. Besonders hat Aden’s Bedeutung seit der Eröffnung des Suez-Canals sich gehoben, da es der wichtige und unentbehrliche Halteplatz aller Dampfer zwischen Suez und Ostindien geworden.
Riesige Lager von Steinkohlen sind hier eingerichtet, um die Dampfer zu versorgen. 1890 betrug die Einfuhr von Steinkohlen 165000 Tonnen; der Gesammthandel (Aus- und Einfuhr) 5 Millionen £.[645]; Tonnengehalt der Schiffe über 4 Millionen. Ausgeführt wird Kaffe (aus Südarabien), Gummi, Häute und Felle, Tabak, Federn, Muscheln, Gewürze; eingeführt werden Getreide und Mehl, Baumwollenwaaren, Stückgüter, Petroleum, Tabak. Der örtliche Handel mit Arabien, Aegypten, Zanzibar ist nicht unbeträchtlich. Ackerbau giebt es natürlich nicht auf diesem nackten Felsen, und der Gewerbefleiss erzeugt allein — Trinkwasser, Eis, Kochsalz. Letzteres wird an der seichten Nordküste des Hafens durch Verdampfen von Meerwasser hergestellt; man sieht die schneeweissen Haufen auf dem Sande liegen. Regen ist nicht viel zu befürchten; der Regenfall misst jährlich nur zwei Zoll! Die Sonnengluth ist ausreichend; beträgt ja die mittlere Temperatur + 29½° C. im Schatten, das ganze Jahr hindurch.
Trotz dieser Gluthhitze ist Aden nicht ungesund, auch nicht für den Europäer. Die Infectionskrankheiten fehlen. Allerdings die Augen der Eingeborenen fand ich hier, mittwegs zwischen Aegypten und Bombay, schon merklich schlechter, als in Ostindien.
Der Reisende, welcher in Steamer Point landet, sieht vor sich eine schmale Hafenstadt mit Quai und Uferstrasse, mit langen, ein- bis zweistöckigen, weiss getünchten Häusern, die zwar einfach, aber durch vorgebaute Schattenhallen gefällig erscheinen. Hier liegen, überragt von einer kleinen Batterie mit Signal-Stange, das Post- und Telegraphen-Amt, ein Hotel mit Gast- und Kaffe-Wirthschaft für den Reisenden, der meist nur einige Stunden auf der Felseninsel zubringt, ein Lager von Lichtbildern, wo Jeder einkauft, und natürlich der unvermeidliche „Curio-Laden“ eines Parsi-Kaufmanns. Die gut gehaltene Fahrstrasse führt an riesigen Kohlen-Lagern und Schuppen, vereinzelten Hütten, einer Polizei-Wache vorbei längs der ganzen Nordküste der Insel; und fängt erst an zu steigen da, wo die Landenge sich ansetzt. Vor uns liegt ein schmaler Eingang[646] zwischen zwei nackten bräunlichen Lava-Felskegeln, durch Kunst zu einem starken Thor vervollständigt und von einer kleinen Sepoy-Truppe besetzt, die natürlich sofort das Gewehr präsentiren, als wir durchfahren. Dieses Mal hatten sie Recht, mein Begleiter war ja ein britischer Officier, wenngleich in bürgerlicher Kleidung.
Jenseits des Thores senkt sich wieder die Fahrstrasse. Vor uns erscheint ein fesselndes Bild. Inmitten einer langgedehnten Thalschlucht von mässiger Breite, links (westlich) von niedrigeren, rechts (östlich) von höheren Lava-Felsen überragt, liegt die regelmässig gebaute, aus kleinen weiss getünchten Steinhäusern mit platten Dächern bestehende Stadt Aden bis hin zum Ostufer, wo die Meeres-Küste sichtbar wird. Die Thalschlucht stellt eben den Krater des Vulcan dar, dessen Rand an der Ostküste der Insel schon in grauer Vorzeit abgebrochen ist.
Baracken für die Sepoy sind am Anfang und am Ende der Stadt errichtet. Ganz hübsch und wohnlich sehen die Häuser der Officiere aus. Die letzteren fahren, da der Dienst im Frieden sie nicht sehr beschwert, im Einspänner mit ihren Frauen spazieren.