Am 7. December um 1 Uhr früh fahren wir ab von Aden und sind Vormittag in der „Thränen-Strasse“ (Bab-el-Mandeb), die allerdings diesen Namen von den über Windstille in dem Gluthofen des rothen Meeres verzweifelten Segelschiffern erhalten hat und heutzutage, in der Zeit des Dampfes, einen neuen und besseren bekommen könnte. In der Mitte der Strasse erblicken wir die vulcanische Felseninsel Perim. Dieselbe ist halbkreisförmig, nach Süden offen, mit einem guten Hafen, fast 12 Quadratkilometer gross, mit 150 Mann Besatzung für den Signallicht-Dienst und die Zwecke der Vertheidigung; ihre höchste Erhebung steigt 65 Meter über den Meeresspiegel empor. 1857 haben die Engländer diese Insel in Besitz genommen und als Schlüssel zum rothen Meer befestigt, 1861 auch mit einem Leuchtthurm versehen. Ob sie wirklich das rothe Meer zu sperren vermag, könnte man doch bezweifeln. Denn das Fahrwasser ist westlich zwischen der Insel und Afrika 12 Seemeilen breit; östlich allerdings, zwischen der Insel und Arabien, nur ¾ Seemeilen.

Ueberhaupt ist wohl das System AdenPerim für den Kriegsfall nicht so gewaltig, wie nützlich für die Engländer in friedlichen Zeitläuften. Die Besatzungen sind eben zu schwach; sie genügen nur, die einheimischen Horden in Zaum zu erhalten.

Ueber die Besetzung von Perim wird auf dem Schiff eine lustige Geschichte erzählt, deren Wahrheit ich allerdings nicht verbürgen kann.

Der Befehlshaber von Aden empfing den Besuch eines französischen Kriegsschiffs, bewirthete die Officiere des letzteren auf das zuvorkommendste, trank mit ihnen ungeheure Mengen von Schaumwein, bis er ihre Zungen gelöst und erfahren, dass sie den Befehl hätten, Perim zu besetzen. Sofort bestellte er bei Tisch auf einer mit Bleistift geschriebenen Karte fröhlich eine neue Sendung von Weinflaschen; in Wirklichkeit enthielt die Karte den Befehl an seinen ersten Officier, augenblicklich nach Perim zu dampfen und daselbst die englische Flagge zu hissen. Als am andern Tage die Franzosen nach Perim fuhren, fanden sie — den Tisch besetzt.

Wir sind also in dem rothen Meer, dessen erstickende Gluthhitze in den verschiedenen Reiseberichten eingehend und kläglich geschildert wird. Seine Länge ist recht bedeutend, 2140 Kilometer von Perim bis Suez, d. i. ein Drittel des Weges von Bremerhafen nach New-York; seine grösste Breite misst 350 Kilometer. Es hat weder Flüsse noch ordentliche Häfen und bildet eine tiefe, trogartige Einsenkung zwischen Afrika und Arabien. Die mittlere Tiefe beträgt 460 Meter; die grösste, welche bisher gemessen wurde, 2271 Meter. Aber das Fahrwasser für grosse Dampfer ist schmal, da beide Seiten bis zu bedeutender Entfernung von Ufer mit Korallen verbaut sind. Ob von diesen oder den rothen Felsen bei Suez oder von Edom, der umwohnenden Völkerschaft, der uralte Namen herrührt, ist immer noch zweifelhaft.

Mir zeigte sich das rothe Meer von seiner besten Seite; ich hatte die gute Jahreszeit gewählt und getroffen. Die Temperatur war Morgens auf Deck 25° C. ganz erträglich. (Nachts in der Cajüte natürlich mehr. Ich hatte deshalb mein Fenster aufgeschraubt. Aber die Strafe folgte auf dem Fusse, — eine anständige Sturzwelle, welche durch die Oeffnung eindrang und mich augenblicklich gegen die Cajütenthüre hinschwemmte.)

Der Himmel war grau, der Wasserspiegel blau, die Wellengipfel unter dem schaumigen Kamm prachtvoll grün-durchscheinend. Die Sukur-Inseln werden sichtbar. Scheinbar mitten im Meer bäumt sich das Wasser empor, wie ein Springquell, — von unterirdischen Riffen. Vier Wracks sind in dieser Gegend, aus den letzten zwanzig Jahren.

Nachmittags wird es windig, und am 8. Januar, an dem ich Morgens 26, Nachmittags 27° C. auf Deck im Schatten gemessen, erfolgt ein Gewitter, während wir kein Land zu sehen vermögen. Unser Capitän, der zwanzig Jahre diese Strasse fährt, kann sich nicht erinnern, jemals im rothen Meer ein solches beobachtet zu haben. Erstaunlich ist die zeitliche und örtliche Ausdehnung dieses Gewitters. Es dauert ¼ Tag, während wir 80 Seemeilen zurücklegen; es umgiebt das Schiff nach allen vier Richtungen der Windrose. Erstaunlich ist auch die Häufigkeit der Entladungen. Vor uns schwebt, scheinbar nicht hoch über dem Horizont, eine Gewitterwolke. Diese flammt auf, alle 5 oder 10 Sekunden, von bläulichem Licht erglühend; der Rand heller, als die Mitte. Mitunter wird plötzlich ⅛ oder ¼ des vor uns befindlichen Himmelsgewölbes für einen Augenblick erhellt, so dass man dabei die Uhr erkennen kann. Blitzstrahlen sind häufig, aber nicht so, wie jenes Aufleuchten. Die Strahlen sind zackig, scheinbar von nicht unbedeutender Breite, mitunter verästelt oder fast dreieckige Räume umschreibend; nicht bloss nach unten, sondern auch fast wagerecht verlaufend. Donner ist sparsam, nur für einen Theil des Gewitters hörbar.

Am folgenden Tage, den 9. Januar, ist es abgekühlt, Vormittags 23, Nachmittags 19½° C. Wir haben Nordwind; zum ersten Mal seit Bombay, finden wir es nicht mehr angenehm, auf Deck zu sitzen. Zwanzig Dampfer kommen an diesem Tag in Sicht; das ist aber nicht Zeichen eines grossartigen Verkehrs, sondern eines Hindernisses im Suez-Canal, das etwa 24 Stunden angedauert.

Am 10. Januar hält der Nordwind an, gegen Abend erblicken wir die öde, zackige Sinai-Halbinsel und ferner an der afrikanischen Küste die Insel Schadwan (Scheduan) mit Leuchtthurm.