Mittwoch, den 11. Januar, erscheinen bei Sonnenaufgang beide Küsten des Golf von Suez; die westliche, steilere, roth bestrahlt. Beide sind wüst, nur in der Nähe von Suez einige grüne Plätze und Striche, an der Süsswasser-Leitung. Von 8 bis 10½ Uhr Vormittags bleiben wir vor Anker im Tewfik-Hafen von Suez, vor uns die mit jungen, aber bereits schattenspendenden Laubbäumen besetzte Uferstrasse. Als wir in den Kanal hineindampfen, entrollt sich vor uns ein schönes Bild.
Zur linken der blaue Meerbusen und die Wüstenberge der afrikanischen Küste, vor uns rothe, steile Felsen und näher heran die Stadt, deren weisse Häuser platte Dächer zeigen, hier und da ein niedriger plumper Minaret und kleine Kuppeln, schüchterne Anfänge von Palmgärten, der Steindamm, auf dem der Eisenbahnzug zu dem an der Kanal-Einfahrt belegenen Kriegs- und Handelshafen (Port Ibrahim) hinfährt; nördlich von der Stadt der von grünem Pflanzenwuchs eingesäumte Süsswasser-Kanal, der hier in das nördliche Horn des Golfs von Suez sich ergiesst, zur rechten (und hinter uns) die flache Küste und Wüste und die fernen Berge der Sinai-Halbinsel.
Aber nach kurzer Fahrt hört die Aussicht auf, da sie von den Ufern versperrt wird; doch nicht für lange. Die Weichen, Signalstationen, kleinen Ortschaften bringen Abwechslung.
Bald erreichen wir den Bittersee, durch den das Fahrwasser mittelst zweier Reihen von Bojen bezeichnet wird, und erblicken vor der Dunkelheit noch gerade Ismalija. Dann aber werden die electrischen Scheinwerfer[648] vorn auf unserem Schiff entzündet, das majestätisch und sicher durch die Dunkelheit gleitet, den in einem kleinen Hafen des Kanals verankerten Truppen-Dampfer überholt, und Morgens um 8 Uhr in Portsaid vor Anker geht.
Es gewährt eine eigenartige Befriedigung, auf einem neu geschaffenen Kanal mit Hilfe der neuesten Erfindungen durch das Gebiet eines der ältesten Culturvölker der Erde zu fahren.
Schon Setos I. und Ramses II. (um das Jahr 1300 v. Chr.) haben einen Kanal vom Nil zum Timsah-See und von da zum rothen Meer graben lassen. Necho (um 600 v. Chr.) und Darius Hystaspis (um 500 v. Chr.) haben einen neuen Kanal vom Nil zum rothen Meer geführt, die Ptolemäer, Trajan (98 bis 117 n. Chr.) daran gebaut, Amr, der Feldherr des Kalifen Omar, im 7. Jahrhundert n. Chr. die Wiederherstellung unternommen.
Aber bald war alles wieder verfallen, und nur schwache Spuren sind von dem Werk der Pharaonen und ihrer Nachfolger übrig geblieben.
Unser Leibnitz hat 1671 auf die Vortheile eines Schifffahrt-Kanals zwischen dem rothen und dem Mittel-Meer hingewiesen. Napoleon Bonaparte liess auf seinem Zuge nach Aegypten (1798) Vermessungen anstellen, die unglücklicherweise das irrige Ergebniss lieferten, dass der Spiegel des rothen Meeres gegen 10 Meter höher liege, als der des Mittelmeeres. In Wirklichkeit liegt der Spiegel der beiden Meere gleich hoch; nur ist bei Portsaid im Mittelmeer die Bewegung von Ebbe und Fluth fast unmerklich, bei Suez im rothen Meer beträgt sie 1 bis 2 Meter. Ferdinand de Lesseps gebührt das Verdienst, die 300 Millionen Europäer den 700 Millionen Asiaten näher gebracht, alle Schwierigkeiten widerstrebender Staatsmänner, der Geldbeschaffung, der Oertlichkeit,[649] der Arbeit überwunden, mit Hilfe einer Aktiengesellschaft 1858 die Durchstechung begonnen und 1869 den Suez-Kanal, wie er mit gerechtem Stolz rühmt,[650] „fertig gestellt zu haben, frei, neutral, allen zugänglich und offen für den Weltverkehr.“
Die Länge des Kanals beträgt 160 Kilometer, die Breite am Wasserspiegel 50 bis 100 Meter, an der Sohle 22 Meter, die Tiefe 8½ Meter. Ausweich-Stellen sind angebracht, wo ein grosser Dampfer den andern vorbeilässt. Durch die in Ausführung begriffene Erweiterung und Vertiefung des Kanals sollen die Ausweichen fortfallen. Die Durchfahrt dauert mit dem Scheinwerfer 16 bis 22 Stunden; ohne denselben 40 Stunden, da dann das Schiff Nachts vor Anker liegen muss.
Die Gesammtkosten des Kanals betragen 400 Millionen Mark. (20 Millionen £, von denen 3½ im Besitz der englischen Regierung, die 1876 auf Betreiben von Beaconsfield dem Chediw seinen Antheil abkaufte.)