[131] Sie vertreten die Stelle unserer Leichensteine; besitzen aber, wegen der Verehrung der Ahnen, bei den Japanern eine weit höhere Bedeutung.
[132] Harakiri heisst Bauch-Schnitt; den Japanern scheint das chinesische Wort seppuku gewählter, wie manchem meiner Fachgenossen — Laparotomie.
Im Mittelalter eine Sitte der besiegten Krieger, die nicht in Feindeshand fallen wollten, wurde es um 1500 n. Chr. ein Vorrecht der Daimio und Samurai, um, zur Todesstrafe verurtheilt, dem Henker zu entgehen, — gerade wie früher in manchen Ländern Europa’s wohl der Edelmann enthauptet, der Bürger gehängt wurde.
Hinter dem japanischen Edelmann stand sein Freund; sowie der erste den Dolch in den Leib stiess, hieb der zweite ihm mit scharfem Schwert das Haupt ab.
Harakiri als Strafe ist abgeschafft, als Selbstmord kommt es noch vor. 1881 hat ein junger Officier aus Yezo im Tempel von Saitokuji zu Tokyo, an dem Grabe seiner Ahnen, so den Tod gesucht und gefunden, um durch die That sein Vaterland auf die von den Russen drohende Gefahr eindringlicher aufmerksam zu machen, als seine Worte es vermocht.
[133] Das 50. Gesetz des Jeyasu oder (Gongen-sama) lautet: An dem Mörder des Herrn oder Vaters soll man Rache nehmen, und auch die weisen und klugen Männer gestatten nicht, dass man mit ihm zusammen unter dem Himmel lebe. Wenn Jemand Rache nehmen will, so ist in den Registern des Gerichtshofes nach Jahr und Monat der Zeitpunkt festzusetzen, bis zu dem er seine Absicht auszuführen hat.
[134] Auf einem der Festessen sah ich ein drolliges Singspiel: Eine junge Frau erschien, mit einem blühenden Kirschzweig über der Schulter, schrieb Liebeslieder und hing sie an die Zweige des Kirschbaums.
„Tragen möcht’ ich ein Kleid, wie die Blüthe der Kirschen gefärbet;
Sind erst die Blumen verwelkt, mahnt es mich später an sie.“
(Japan. Liedersammlung, übersetzt von Dr. Lange.)