Der Postzug der canadischen Eisenbahn hat soeben die Passhöhe der Felsengebirge überschritten; um die Grundfläche des ungeheuren Stephen-Berges herum, tief unter seinem Gletscher und hoch über dem schäumenden Wapta-Fluss, braust er durch die enge Schlucht und hält bei Golden.

Es ist ein prachtvoller August-Nachmittag. Der Reisende, dem nicht bloss ein wundervolles Schauspiel, sondern auch, im Speisewagen, ein vortreffliches Mittagsessen zu Theil geworden, geht in behaglichster Stimmung vor dem kleinen Bahnhofsgebäude auf und nieder. Da schlägt an sein Ohr die Stimme der Heimath, die Muttersprache, deren freundlichen Laut er auf der langen Fahrt so selten vernommen. „Ja, wenn man nur wüsste, was es kostet, und ob sie etwas ordentliches für unser bischen Geld geben.“ So sprach in sorgenvollem Ton eine ärmlich gekleidete Frau zu ihrem langaufgeschossenen Gatten, dessen nicht sehr klug aussehendes Antlitz von wirrem Haupt- und Barthaar umrahmt wurde, während sie ein kleines, nicht sonderlich reingehaltenes Bübchen an der Hand hielt.

In zwei Minuten weiss ich Alles. Es sind rührend kindliche Leute, lutherische Weber deutscher Abkunft aus Südrussland. Dort ging es ihnen recht herzlich schlecht. Ihr Bruder ist vor einigen Jahren ausgewandert und lebt zu Albany im Staat Oregon, nicht weit von der Küste des stillen Oceans, als einfacher Arbeiter, doch in einem menschenwürdigen Dasein. Er hat ihnen Muth gemacht, das Gleiche zu versuchen; er hat ihnen die Fahrkarten gesendet. Nun haben sie sich aufgemacht, sie, die kaum Mittel und Kenntnisse besitzen, um von ihrem Heimathsdorf die nächste Stadt zu erreichen! Sie haben Müh’ und Noth genug auf der langen Fahrt erduldet, — allerdings, wie ich höre, ganz andere als die Argonauten der griechischen Zeit und die der californischen, die auch nach dem goldenen Vliess auszogen.

Das Zwischendeck des Hamburger Dampfers machte ihnen wenig Beschwerden. An Mühsal und Entbehrung gewöhnt, fanden sie diesen Theil der Reise noch einigermassen behaglich; sie konnten doch reden, klagen, bitten; man verstand ihre Sprache und half ihnen ein wenig.

Aber jetzt haben sie den Boden des ersehnten Wunderlandes Amerika betreten. Gleichgiltig und steinhart tritt Jeder den Fremden entgegen.

Elf Tage sind sie im Auswandrerwagen unterwegs von New-York bis hierher. Drei Tage und Nächte sind sie vergeblich gefahren und wieder an den Ausgangspunkt zurück gebracht worden. Das Schiff, das sie über die grossen Landseen befördern sollte, war nicht zur Stelle. Kein Mensch hat sich um sie bekümmert;[73] nur Einer, eben so arm wie sie, hat ihnen ein Telegramm aufgesetzt, das sie absenden sollen, damit ihr Schwager, ihr einziger Halt in dem betäubenden Gewirr der neuen Welt, sie an dem Endpunkt der Fahrt, Portland in Oregon, erwarten könne.

Krampfhaft hält die Frau in der Rechten das Blatt Papier, dessen Schriftzüge ihr unbekannt sind und dessen Inhalt noch dazu — ganz unbrauchbar ist, und fragt bekümmert, ob die Leute das auch für 25 Kopeken (sie meint Cents) befördern werden. Zwei derartige Geldstücke besitzt sie; das eine ist für diesen Zweck ihr unantastbarer Kriegsschatz, das zweite möchte sie gern opfern, um ihrem Bübchen ein warmes Gericht zu kaufen. Denn seit New-York haben sie nur trocknes Brod genossen, das sie mitgebracht, und Wasser, welches die Eisenbahngesellschaft frei liefert. Die Aermste, sie kannte nicht den Gebührensatz des canadischen Telegraphen-Amtes, ebensowenig wie den der sogenannten Erfrischungsräume. Aber voll Muth und Vertrauen strebte sie vorwärts, während die stärkere, aber nicht klügere Hälfte in stummer Verzweiflung sich nachschleppen liess.

Schon öfters habe ich Gelegenheit gehabt, eine gewisse Hartherzigkeit gegen Bettler bei Amerikanern und auch bei Engländern zu beobachten. Aber dieses Mal war der Ertrag einer für die armen Leute veranstalteten Sammlung so reichlich, dass sie förmlich verdutzt dreinschauten.

Die Depesche wurde mit Hilfe des Kursbuches und kundiger Leute des Landes richtig gestellt und abgesendet; bei der Speisestation fütterten wir unsere hilflosen Vögelchen. Am andern Morgen stellten wir sie an das richtige Geleise für ihren Zug. „Ich möchte Ihnen doch gern schreiben, wenn es uns gut geht,“ sagte die Frau beim Abschied.

2. Hung-tse-sing auf dem stillen Ocean.