Vorüber war der Sturm, der den ganzen Tag mit ununterbrochner Heftigkeit gewüthet, aber unsrem guten Dampfschiff, der „Kaiserin von Japan“, nichts hatte anthun können, — mehr den Insassen und unsrem Gepäck. Als ich gegen Abend die Cabine betrat, sah es aus wie eine Plünderung, Alles war durcheinander geschleudert. Behaglich sassen wir nachher in der Ecke des Rauchzimmers.

Am Tage hatten wir in dem dicken Grau des Himmels von der Sonne nicht das Geringste zu sehen vermocht. Jetzt ging der Mond auf und überstrahlte die noch hochgehenden Wogen. Angelockt von dem herrlichen Schauspiel traten wir hinaus auf das Verdeck. Da drang aus dem dunklen Hintergrund ein Choral an unser Ohr, eine wehmüthige Weise, gesungen von den Männern, Frauen und Mädchen, die im Dienste der Mission von England und Amerika nach Japan und nach China gehen, über ein Drittel der Reisenden auf unserem Schiff.

Wem gilt der Trauergesang? Soeben ist Einer im Zwischendeck gestorben, sie beten für ihn.

Aber wer ist es? Hung-tse-sing, der fleissige Chinese aus Vancouver am Puget-Sund, der unermüdlich in seinem winzigen Holzhäuschen, das nur ein Stockwerk, ein Fenster, einen Wohnraum besitzt, vom Morgen bis Abend wusch und bügelte, der Brustschmerzen und des quälenden Hustens nicht achtete, alle Unannehmlichkeiten, die den bezopften Sohn des Reiches der Mitte in den Ländern der „rothharigen Barbaren“ verfolgen, mit der philosophischen Ruhe und Ueberlegenheit seiner uralten Cultur hinnahm. Galt es doch, ein grosses Ziel zu erreichen. Nur noch wenige Goldstücke fehlten ihm, dann hatte er genug, um in seiner gebildeten Welt und geliebten Heimath seiner Frau und seinem drolligen Büblein, die er in der Provinz Canton zurückgelassen, und sich selber ein sorgenfreies behagliches Leben zu sichern. Jeden Abend zählte er seinen kleinen Schatz, verglich seine Papiere und rechnete die Monate und Tage von Neuem durch, die er noch in der Verbannung zuzubringen hatte, — obwohl er ja schon lange mit zierlicher Schrift über den Arbeitstisch den Tag seiner Abreise gemalt und den Dampfer, der ihn in das gelobte Land befördern sollte. Da kam der 30. August, ein heisser Tag, der ihm viel Arbeit brachte. Am folgenden Tag segelt ja der grosse Dampfer, die „Kaiserin von Japan“, nach dem märchenhaften Lande des Ostens. Alle Hotels sind überfüllt; alle Cajütenpassagiere haben ihre Wäsche für morgen bestellt. Er schafft unverdrossen, die Arbeit verheisst reiche Ernte; einen Monat früher, als er geträumt und gehofft, wird er die Heimath schauen. Kräftig presst er das heisse Bügeleisen gegen das schneeige Weiss, als wäre es das Steuerruder des Schiffes, das ihn heimwärts geleitet.

Da krampft es schmerzhaft in seiner Brust, ein heisser Strom steigt empor und will ihn ersticken, — ein Strom von Blut; und mit einem Angstschrei sinkt er zu Boden.

Niemand hört ihn. Er ist allein mit seinem Leiden. Nicht der Tod an sich ist es, den er fürchtet, so gern er auch sein Heimathland, seine Lieben noch einmal schauen möchte: es ist der Tod im Lande der Barbaren.

Allmählich erholt er sich, mühsam erreicht er die Thür und schleppt sich über die Strasse zu seinem nächsten Landsmann; dort sinkt er erschöpft zu Boden mit dem Angstruf; „Auf’s Schiff, bringt mich auf’s Schiff; ich will nach Hause.“

Sie verstehen ihn, die ernsten, klugen Gesichter. So ward er auf unser Schiff getragen; so lag er im Zwischendeck, ruhig und ergeben, ein Weiser. So fand ihn am siebenten Tage der Seefahrt der Sturm und im Sturm der Tod.

Der Tod auf hoher See, aber nicht ein Seemanns-Begräbniss. Durch Vertrag haben die Chinesen das Recht erworben, dass ihre Gebeine nach ihrer Heimath gebracht werden; sie zahlen viel dafür, nicht bloss fünfundzwanzig der so heissgeliebten Thaler, — und war der Verstorbene mittellos, so zahlen es sofort seine Landsleute und Gefährten, — sondern dazu noch das Opfer ihrer Empfindung: obwohl es ihnen ein Greuel ist, dulden sie, für den höheren Zweck, dass zur Einbalsamirung ihr Leib aufgeschnitten wird, — von jenem barbarischen Doctor, dessen Hilfe sie bei ihren Lebzeiten unter keinen Umständen in Anspruch nehmen.