„Aber wer weiss,“ fuhr er dann fort, sich an eine letzte Hoffnung klammernd, „wenn mir diese Mittel bis jetzt nicht geholfen haben, so kommt es vielleicht daher, dass ich sie nicht in richtiger Dosis gebraucht habe.“

Trotz alledem aber gab ihm die Erwartung einer möglichen Linderung schon neuen Lebensmut.

Dann befiel ihn die neue Befürchtung, ob sich der Arzt in Paris befände und sich hierher bemühen würde. Und wieder überwältigte ihn die Furcht, dass der Diener ihn nicht antreffen könnte.

Er fühlte aufs neue seine Kräfte schwinden, er ging von einer Sekunde zur andern von tollster Hoffnung zur wahnsinnigsten Angst über, übertrieb die Aussichten plötzlicher Heilung, wie die Befürchtungen einer nahen Gefahr. So verflossen die Stunden und der Augenblick kam, wo es zu Ende war mit seiner Kraft, wo er an dem Kommen des Arztes verzweifelte und sich wütend sagte, dass er sicherlich gerettet würde, wenn ihm rechtzeitig beigestanden worden wäre. Dann wieder verflog sein Zorn gegen den Diener und den Arzt, die er beschuldigte, ihn sterben zu lassen, und schliesslich raste er gegen sich selbst und warf sich vor, so lange gewartet zu haben, um Hilfe zu holen, und bildete sich ein, dass er jetzt geheilt sein würde, wenn er nur einen Tag früher kräftige Arzeneien und vernünftige Pflege gehabt hätte.

Nach und nach besänftigte sich dieser Wechsel von Beunruhigungen und neuen Hoffnungen, die sich in seinem leeren Hirn jagten. Diese Widersprüche rieben ihn vollends auf. Er verfiel in einen Schlaf der Ermattung, den unzusammenhängende Träume durchzogen, in eine Art von Ohnmacht, die von bewusstlosem Erwachen unterbrochen wurde. Er hatte den Begriff seiner Wünsche und Befürchtungen derart verloren, dass er ganz apathisch war und kein Erstaunen und keine Freude empfand, als der Arzt plötzlich ins Zimmer trat.

Der Diener hatte ihn jedenfalls von der Lebensweise des Herzogs unterrichtet und auch von den verschiedenen Symptomen, die er selbst beobachtet hatte seit dem Tage, als er seinen Herrn nahe dem Fenster, von der Heftigkeit der Parfüms ohnmächtig, aufgehoben hatte; denn der Arzt stellte nur wenige Fragen an den Kranken, dessen Verhältnisse er übrigens seit Jahren kannte. Er untersuchte ihn, klopfte und horchte an ihm herum und prüfte aufmerksam den Urin, in welchem ihm gewisse weisse Streifen eine der ausgesprochensten Ursachen des Nervenleidens offenbarten.

Er schrieb ein Rezept, und ohne noch etwas hinzuzufügen, ging er fort, seine baldige Rückkehr zusagend.

Dieser Besuch tröstete den Herzog, den jedoch das Schweigen sehr befremdete, und er beschwor seinen Diener, ihm nicht länger die Wahrheit vorzuenthalten. Dieser bestätigte ihm, dass der Arzt keinerlei Beunruhigung an den Tag gelegt hätte, und so misstrauisch auch Herzog Jean war, er fand kein Anzeichen, welches eine Lüge auf dem ruhigen Gesicht des alten Mannes verriet.

Bald heiterten sich seine Gedanken auf; überdies waren seine Leiden verstummt und zu der Schwäche, die er in allen Gliedern verspürte, gesellte sich eine gewisse Sanftheit, eine gewisse Wohligkeit, leise und unbestimmt. Und endlich war er ganz zufrieden, nicht mit Arzeneien und Flaschen überbürdet zu sein. Ein schwaches Lächeln glitt um seine blassen Lippen, als der Diener ein mit Pepton gemischtes Klystier brachte und ihm bedeutete, dass er dasselbe dreimal in vierundzwanzig Stunden wiederholen müsse.

Es müsste köstlich sein, dachte er, wenn man bei voller Gesundheit dieses einfache Mittel fortsetzen könnte! Welch eine Ersparnis an Zeit, welch eine radikale Erlösung der Abneigung, welche das Fleisch den Leuten ohne Appetit einflösst! Welch endgültige Befreiung des Überdrusses, der immer aus der notgedrungen beschränkten Wahl der Speisen sich ergiebt! Welch energische Verwahrung gegen die gemeine Sünde der Gefrässigkeit!