Herr des Weltalls! O erfülle die Wünsche meines Herzens, so sie zu meinem Heile gereichen; willfahre meinem Verlangen und erhöre meine Bitte: Vergib erbarmungsvoll alle meine Missetaten und vergib Fehl und Sünde allen, die mir nahe stehen und die ich in mein Gebet einschließe. Laß Deine Verzeihung walten über uns aus Gnade und Barmherzigkeit; laß uns rein sein von Sünde und Vergehen. Gedenke heute unser mit Wohlgefallen, erinnere Dich unser zu unserm Heile. Schenke uns ein glückliches Leben, gewähre uns Frieden, Nahrung, Zufriedenheit und sorgenfreie Befriedigung der Bedürfnisse des Lebens. Laß es uns nimmer fehlen an Brot und Kleid. Beglücke uns mit Wohlstand und Ansehen und Lebensfreude, damit es uns vergönnt sei, diese Güter anzuwenden zu Werken der Tugend, schenke uns Leben und Gesundheit, damit wir noch lange zu wandeln vermögen in den Wegen Deiner Lehre. Gib uns Weisheit und Einsicht, daß es uns mehr und mehr gelinge, einzudringen in den Plan Deiner Weltregierung. Befreie uns von den Leiden, die uns drücken und segne die Taten unserer Hände. Verhänge über uns Glück, Heil und Trost. Vernichte die Gefahren, die uns drohen, ob sie uns bekannt oder unbekannt sind. Wende immerdar das Herz unseres erhabenen Regenten zum Wohlwollen, daß nie wieder über Israel hereinbrechen die Tage des Druckes und der Erniedrigung. Also sei es wohlgefällig vor Dir, barmherziger Vater, Herr des Weltalls. Amen!

שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃

——————

Maskirbetrachtung für den Versöhnungstag.

———

Der am heiligen Tage der Versöhnung gelesene Abschnitt der Thora ruft uns allen den tieftraurigen Tod der beiden Söhne des Priesters Ahron ins Gedächtnis. Sie starben vor dem Ewigen, als sie fremdes, unheiliges Feuer in das Heiligtum trugen. So wurde jenen die Stätte des Segens zum Unglücksorte, wurde dem schwergeprüften Vater das Heiligtum, seine zweite Heimat, zum Grabe seiner Kinder. So ist Menschenlos. Wo wir Glück erhoffen und erträumen, erwächst oft Unheil. Die Unerforschlichkeit göttlicher Bestimmung wird uns oft genug erwiesen. Wir stehen stumm und sprachlos, gleich Ahron, vor dem Grabe köstlichster Habe. Das ist Menschenschicksal. Wenn der Hohepriester am Tage der Versöhnung das Heiligtum zu verlassen sich anschickte, war eines seiner andächtigen Gebete: „Möge es Dir wohlgefallen, o Herr, daß den Bewohnern Sarons ihre Häuser nicht zu ihren Gräbern werden.“ Saron, das ist jener liebliche Landstrich des heiligen Landes, der berühmt ist durch die Schönheit und Üppigkeit seiner Fluren; dessen Rosen und Lilien farbenprächtig prangen, köstlich duften. Die Lilie von Saron zierte die jüdische Jungfrau. Kein Jahr jedoch verstrich, in welchem dieses gesegnete Erdreich nicht seine Opfer forderte. Nur an der Oberfläche war der Boden dieser rosengeschmückten Gefilde lieblich und schön. Aus der Tiefe drohten Tod und Verderben. Erderschütterung und die Wühlarbeit unterirdischer Gewässer machten Sarons Ebene zur Schreckenstätte. Die sonst beneidenswerten Bewohner waren von furchtbarer Gefahr bedroht.

Ein anderes Saron ist unser Leben, sind die Gefilde und Triften unseres Strebens und Wirkens, die Stätten unserer Wohnungen und Familienhäuser. Leben, blühendes Leben soll ihnen entsprießen. Wie fruchtbares Erdreich sollen sie sein, in das wir kräftiges Saatkorn senken, um freudig Garben binden und heimwärts tragen zu können. Unseren Häusern erwachsen in Töchtern und Söhnen liebliche Rosen, duftige Lilien. Rein wie die Lilie, keusch und lauter ist des Kindes Unschuld, wie die Rose voll Seelenduft, aber auch ebenso zart und empfindlich. Ihnen schadet die Kälte, scharfer Windhauch des Herbstes. Sie verlangen Wärme und Wacht, auf daß die Töchter und Söhne dem Judentume treu und lebendig bleiben. Der geweihte Boden des Hauses, wo Mütter und Väter sorgen und hüten, ist die Ursprungsstelle jüdischer Frauen und Männer. Hier müssen den zarten Wurzeln Triebkräfte zugeleitet werden, damit die Blumen sich entfalten und nicht vorzeitig welken und sterben. „Möchten doch unsere Häuser nicht zu unseren Gräbern werden.“ Dieses ist unser heißes Flehen in dieser heiligen Stunde, in welcher wir derjenigen wehmutsvoll gedenken, die in den Gräbern ruhen. Ihnen war das Haus verheißungsreiche Pflegestätte edelster jüdischer Tugend, biblischer Kraft, patriarchalischen Geistes. In ihrer Wohnung gediehen Lilien inniger Frömmigkeit, Rosen ungetrübter Seelenfreude, Herzensruhe, Gottergebenheit. Und ihnen erwuchsen in Töchtern und Söhnen verläßliche Glaubensschwestern, Glaubensbrüder.

In sich trugen sie die Bürgschaft für neues Leben. Nie ward ihr Haus ihr Grab. Lasset uns ernstlich Sorge tragen, daß unsere Häuser den drohenden Erschütterungen der Erde nicht zum Opfer fallen, kein wühlendes Gewässer sie zerstöre, Schuld und Sünde die Bewohner nicht dem Tode weihe. So beten wir mit dem Priester andächtig und inniglich: „Möge es Dir wohlgefallen, o Herr, daß unsere Häuser nicht unsere Gräber werden.“

(Siehe [„Totenfeier“] am Schlusse des Buches).

——————