Fritz. (setzt sich mit seiner Laute)
Ich hab das Koncert noch nicht angesehen.

Rehaar. Ey Ey, faules Herr von Bergchen, noch nicht angesehen? Twing! Nachmittag bring ich Ihnen eine andre. (legt die Laute weg und nimmt eine Prise) Man sagt: die Türken sind über die Donau gegangen und haben die Russen brav zurückgepeitscht, bis—Wie heißt doch nun der Ort? Bis Otschakof, glaub' ich; was weiß ich? so viel sag ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen wäre, was meynen Sie? Er wäre noch weiter gelaufen. Ha ha ha! (nimmt die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg, ich hab keine größere Freude, als wenn ich wieder einmal in der Zeitung lese, daß eine Armee gelaufen ist. Die Russen sind brave Leute, daß sie gelaufen sind; Rehaar wär auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu nützt das Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha.

Fritz.
Nicht wahr, das ist der erste Grif?

Rehaar. Ganz recht; den zweiten Finger etwas mehr übergelegt und mit dem kleinen abgerissen, so—Rund, rund den Triller, rund Herr von Bergchen—Mein seliger Vater pflegt' immer zu sagen, ein Musikus muß keine Kourage haben, und ein Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut bläst— Das hab' ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als ich nach Petersburg gieng, das erstemal in der Suite vom Prinzen Czartorinsky, und vor ihm spielen mußte. Ich muß noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt' ihm mein tief tief Kompliment machen, sah' ich nicht, daß der Fußboden von Spiegel war und die Wände auch von Spiegel, und fiel herunter wie ein Stück Holz und schlug mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere und wollten mich drüber necken. Leidt das nicht, Rehaar, sagte der Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite; leidt das nicht. Ja, sage ich, Ew. Herzoglichen Majestät, mein Degen ist seit Anno Dreißig nicht aus der Scheide gekommen, und ein Musikus braucht den Degen nicht zu ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen zieht, ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem Instrument was vor sich bringen—Nein, nein, das dritte Chor wars, k, k, so—Rein, rein, den Triller rund und den Daumen unten nicht bewegt, so—

Pätus. (der sich die Zeit über seitwärts gehalten, tritt hervor und bietet Rehaar die Hand) Ihr Diener, Herr Rehaar; wie gehts?

Rehaar. (hebt sich mit der Laute) Ergebener Die—Wie solls gehen, Herr Pätus? Toujours content, jamais d'argent: das ist des alten Rehaars Sprichwort, wissen Sie, und die Herren Studenten wissens alle; aber darum geben sie mir doch nichts—Der Herr Pätus ist mir auch noch schuldig, von der letzten Serenade, aber er denkt nicht dran…

Pätus. Sie sollen haben, liebster Rehaar; in acht Tagen erwart' ich unfehlbar meinen Wechsel.

Rehaar. Ja, Sie haben schon lang gewartet, Herr Pätus, und Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu thun, man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr, aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was haben Sie mir denn gemacht, Herr Pätus? Ist das recht; ist das auch honett gehandelt? Sind mir gestern zum Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter Schlafkammer.

Pätus.
Was denn, Vaterchen? ich? …

Rehaar. (läßt die Dose fallen) Ja ich will Dich bevaterchen und ich werd' es gehörigen Orts zu melden wissen, Herr, daß seyn Sie versichert. Meiner Tochter Ehr' ist mir lieb und es ist ein honettes Mädchen, hol's der Henker! und wenn ichs nur gestern gemerkt hätte oder wär' aufgewacht, ich hätt Euch zum Fenster hinausgehenselt, daß Ihr das Unterste zu Oberst— Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn ich Student bin, muß ich mich auch als Student aufführen, nicht als ein Schlingel—Da haben mirs die Nachbarn heut gesagt: ich dacht ich sollte den Schlag drüber kriegen, Augenblicks hat mir das Mädchen auf den Postwagen müssen und das nach Kurland zu ihrer Tante; ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr' hin und wer zahlt mir nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig den ganzen Tag keine Laut' anrühren können und über die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. Ja Herr, ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Pätus, ich will ein Hühnchen mit Ihnen pflücken. Es soll nicht so bleiben; ich will Euch Schlingeln lehren ehrlicher Leute Kinder verführen.