Die Lehrerin, die dabeistand, schüttelte den Kopf. Sie zog ihren Mann beiseite und sagte zu ihm: »Es ist doch eigen; genau so legt der Hauser immer seine Briefe zusammen, wie das Papier im Beutel zusammengefaltet war.«

Quandt nickte und trat an die Seite des Hofrats, der den Zettel erst prüfend betrachtete und dann einen Handspiegel verlangte.

»Es ist wohl Spiegelschrift,« sagte Quandt lächelnd.

»Ja,« erwiderte der Hofrat; »eine sonderbare Kinderei.«

Er stellte Schrift und Spiegel einander gegenüber und las vor: »Caspar Hauser wird Euch genau erzählen können, wie ich aussehe und wer ich bin. Dem Hauser die Mühe zu sparen, denn er könnte schweigen müssen, will ich aber selber sagen, woher ich komme. Ich komme von der bayrischen Grenze am Fluß. Ich will Euch sogar meinen Namen verraten: M. L. O.«

»Das klingt ja geradezu höhnisch,« sagte der Hofrat nach einem verwunderten Schweigen.

Quandt nickte erbittert vor sich hin.

Als Caspar die vorgelesenen Worte vernommen hatte, fiel sein Kopf schwer in das Kissen und eine grenzenlose Verzweiflung malte sich in seinen Zügen. Es schloß sich sein Mund mit einem Ausdruck, als wolle er von nun an nie mehr reden. Und daß er hätte reden können, womit dieser M. L. O. offenbar nicht gerechnet hatte, empfand er bis in das Fieber hinein als eine Art schmerzlichen Triumphes.

Quandt, den Zettel, den ihm der Hofrat gegeben, zwischen den Händen, wanderte aufgeregt hin und her. »Das sind schöne Streiche,« rief er aus, »schöne Streiche! Sie halten das Mitleid Ihres Jahrhunderts zum besten, Hauser. Sie verdienen eine Tracht Prügel, das verdienen Sie.«

Der Hofrat runzelte die Stirn. »Gemach, Herr Lehrer; lassen Sie das doch!« sagte er mit ungewöhnlich ernstem Ton. Bevor er sich verabschiedete, versprach er, am nächsten Morgen den Kreisphysikus zu schicken, woraus ersichtlich war, daß auch er an keine unmittelbare Gefahr dachte.