»Vielleicht zwingt es dich einmal«, sagte Franziska.

»Vielleicht. Oder wenn du reden wolltest«, stieß er plötzlich hervor, unfähig, ein glühendes Gefühl länger zu beherrschen, »du, Franzi, dann wollte ich –« Er brach ab, denn Franziska heftete einen bösen Blick auf ihn, und eine Wolke von Düsterkeit verbreitete sich über ihre Züge. Sie wollte aufstehen, doch Hadwiger schaute sie so flehend an, daß sie verblieb, die Arme auf die Kniee und den Kopf in die Hände stützte. Um sie abzulenken, berichtete Hadwiger zaghaft, daß die Freunde, in Sorge über ihre Ermattungszustände, davon gesprochen hätten, einen Spezialarzt aus der Stadt kommen zu lassen. Franziska schüttelte unmutig den Kopf; ehe sie antworten konnte, kam Lamberg mit dem Affen herein. Ihnen folgte Emil, der einen Teller mit Äpfeln trug.

Quäcola hatte sich schon einen Apfel zugeeignet und verspeiste ihn mit Behagen. Neckend reichte ihm Hadwiger die offene Hand hin; das Tier guckte ganz nahe darauf, aber da es nichts entdecken konnte, feilte es ärgerlich. Dies erregte Heiterkeit, worüber Quäcolas Ärger wuchs, und er spuckte auf die Erde, was er von dem Apfel noch im Maul hatte. Lamberg wurde zornig und beschimpfte ihn, und während Emil das verdrießliche Geschäft des Aufräumens verrichtete, sagte er: »Gnädiger Herr, es kommen jetzt im Hause viele Sachen abhanden. Der Köchin fehlt eine Gürtelschnalle, mir selbst fehlen ein Dutzend Emailknöpfe und ein paar alte Münzen.« – »Ach, Sie sammeln Münzen,« erwiderte Lamberg scheinbar anerkennend, »Münzen und Emailknöpfe? und wen haben Sie im Verdacht?« – »Man kann da nur ein einziges Individuum im Verdacht haben«, sagte der vornehm sprechende Diener. »Ich brauche mich ja nicht näher auszudrücken. Sehen Sie, gnädiger Herr, jetzt hat er wieder die Antike zwischen den Pfoten. Er hat eine Vorliebe für das Glänzende und verrät sich selber.«

In der Tat hatte der Affe den goldenen Spiegel genommen und starrte mit ernsthaft gefalteter Stirn auf die Platte, indem er offensichtlich Lambergs prüfende Kennermiene nachahmte. Er kniff die Augen zusammen, schob den Kopf zurück, streckte den Bauch vor und spitzte das Maul kritisch und besitzerstolz. Nach und nach gelangte die tierische Natur wieder zur Macht, er betastete argwöhnisch die metallene Schildkröte, – vielleicht erwachten bei deren Anblick Erinnerungen an seinen heimischen Inselstrand, – dann stellte er den Spiegel zur Erde, ließ sich auf alle Viere nieder und mit einer einfältigen, verschlafenen, komisch-traurigen Miene schien er sich zu fragen, was mit einem solchen Gerät anzufangen sei und wie man sich in möglichst ausgiebiger Art daran ergötzen könne. Als nun Emil bemerkte, daß die Herrschaften an dem Benehmen des Affen ihr Vergnügen hatten, malte sich in seinem Gesicht neben einem erhabenen Staunen über diese unbegreifliche menschliche Verirrung auch die lebendigste Eifersucht, und es war ihm anzusehen, daß er sich in seinem höheren Bewußtsein schmählich zurückgesetzt fühlte.

»Quäcola!« rief Lamberg. Der Affe erhob sich, blinzelte und hüpfte heran.

»Hast du gestohlen, Quäcola?« fragte Lamberg streng.

Quäcola richtete sich empor und grinste freundlich. »Er hat nicht gestohlen, Emil«, entschied Lamberg kurz.

»Also gilt ein Vieh mehr als ein Mensch?« erwiderte der Diener gepreßt.

»Ein Vieh kann vielleicht stehlen, aber es kann nicht lügen«, sprach Lamberg salomonisch tief. Er holte den Spiegel, hielt ihn dem Schimpansen dicht vor die Nase und sagte: »Wenn du darnach noch einmal greifst, mein lieber Quäcola, wirst du drei Tage in deinen Käfig gesperrt, und Emil soll dich durchpeitschen. Merk dir’s.«

Der Affe murmelte vor sich hin, doch Emil rief beschwörend: »Er versteht Sie nicht, gnädiger Herr! er tut nur so, ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß er Sie nicht versteht.«