»Ja, es ist ein altes Dorf«, erwiderte Arnold.

»Gott verzeih mir«, fuhr der junge, behagliche Mann mit einem Aufschlagen seiner Augen fort, »es war eine schreckliche Zeit. Nichts als Bauern und Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, Herr Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affäre mit dem Juden Elasser –? Sind Sie es vielleicht selbst, der damals, wie soll ich sagen, so starken Anteil daran genommen hat? Sind Sie es selbst?«

»Jawohl«, erwiderte Arnold.

»Das ist mir ein Rätsel«, fuhr Herr von Gröden mit aufrichtigem Erstaunen fort. »Es ist ja schon ziemlich lange her, ich erinnere mich nicht mehr genau, ein Lehrer dort namens ... namens ...«

»Specht?«

»Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir von Ihnen erzählt.«

Alle blickten auf Arnold.

»Warum ist Ihnen das ein Rätsel?« entgegnete Arnold, der sich ein wenig verfärbt hatte. »Es handelte sich doch um öffentlichen Raub –?« Er heftete den Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann.

»Ja, ja, ja! ganz gewiß, natürlich«, sagte Herr von Gröden bereitwillig, »aber immerhin, das verrottete jüdische Gesindel muß ein wenig gepeitscht werden. Sie müssen mir doch zugeben, daß diese Leute nicht unserer differenzierten Empfindung zugänglich sind. Das Mädchen wird es im Kloster tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem sie aufgewachsen ist. Der ganze Lärm, den man deshalb aufgeschlagen hat, war doch nur eine verabredete Komödie. Sie müssen doch zugeben –«

»Ich gebe nichts zu«, unterbrach ihn Arnold. »Wie können Sie so sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener der Regierung? Als ich zum erstenmal davon hörte, ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das gewiß nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. Aber wie können Sie es entschuldigen? Kein Mensch darf das wagen, der selbst darauf angewiesen ist, daß man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach. Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, oder Ihre Bequemlichkeit zu urteilen, so bleibt doch eine so ungeheure Versündigung übrig, daß kein Gedanke sich daran gewöhnen kann. Ich konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt brach zusammen wie unter einem furchtbaren Fußtritt. Man raubt ein Kind, man will es zwingen, die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist, was für eine Religion, das ist doch gleichgültig, und nichts geschieht, keine Gerechtigkeit gibt es, das Recht wird böswillig erstickt. Und Sie reden von Komödie!«