Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst seiner Worte war mit dem Gefühl der Erleichterung verbunden, welche ihm dieser Ausbruch verschaffte.

Drusius klopfte ihm auf die Schulter. »Wacker«, sagte er, »ein wackeres Wort. Ich hab es immer gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der Teufel!« Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend auf die unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie reichte Arnold die Hand über den Tisch und sagte mit verbindlichem Lächeln: »Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen.«

Herr von Gröden antwortete nicht; nach einiger Zeit erhob er sich und nahm ziemlich verstimmt Abschied.

»Wir haben nicht viel Zeit«, sagte die Baronin zu ihren Töchtern, »die Oper beginnt um halb sieben. Herrn Ansorge macht es vielleicht Vergnügen, mit in unsere Loge zu kommen –?«

Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es würde zu spät werden, bis er sich umgekleidet hätte. Aber der Leutnant drängte ihn und erbot sich, ihn zu begleiten.

Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straßen von allem möglichen. Er war äußerlich von sehr angenehmer Wirkung, hübsch, außerordentlich gepflegt und besaß eine angeborene Liebenswürdigkeit. Schließlich erzählte er Weibergeschichten. »Am liebsten hab ich mit verheirateten Frauen zu tun«, sagte er kühl und wissenschaftlich, »es ist oft gefährlich, gewiß, aber in den meisten Fällen bequem. Sie werden ja die Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an Gefühl steht in einem vollkommen richtigen Verhältnis zu dem, was an Gefühl verlangt wird.«

Arnold berührte die Schamlosigkeit dieses Geständnisses erstaunlich. Er blieb plötzlich stehen, als ob er etwas erwidern wollte. Er dachte an das heutige Gespräch mit Specht und den Rücken hinab rieselte etwas wie ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. Es war noch nicht lang genug her, daß er eine entrüstete Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die Schulter geklopft und hatte gesagt: ein wackeres Wort. Entrüstung, Zorn, Empörung – kleine Aderlässe für das überströmende Herz. Er schwieg, er schwieg. Man konnte nicht schon wieder, man konnte nicht zweimal hintereinander den Moralisten machen. Man wäre lächerlich erschienen, und nur nicht lächerlich werden, alles nur das nicht.

Aber Arnold war aufrichtig betrübt. Er zog mit großer Eile seinen Frack an, um keine Zeit zu verlieren, aber er war so betrübt, daß er falsche Knöpfe in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch zwei Minuten lang niedersetzte, um nachzudenken.

Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die Oper. Als Arnold seine Blicke über die Reihe der geschmückten Damen schweifen ließ, die an den Brüstungen der Logen saßen, empfand er wieder jenes berauschende Machtgefühl eines Menschen, der zu besitzen erhoffen kann, was immer sein frechster Traum umspannt.

Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die Baronin während der Pausen zu besuchen. Er bemerkte wohl, daß er Eindruck machte. Er mühte sich, herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich seien, durch die er eroberte. Um nicht zu verlieren, was ihm einmal gehörte, beobachtete er sich und hielt sich fest im Zaum. Daß er sich gegen Felicia hatte hinreißen lassen, bereute er, denn er fand es unwürdig, mit einer lebendigen Seele zu spielen. Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich zurück und das ärgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine Heiterkeit und eine gewisse liebenswürdige Vertieftheit, die sie nie zuvor an irgend einem Mann bemerkt. Aber ihr Herz war ohne Halt.