Mit bangem Sinn trat ich das nächste Mal den mir so vertrauten Weg in die alte Gasse an. Mein Vater war allein. Er saß am Fenster und starrte vor sich hin. Mit schüchternen Worten suchte ich ihn zu einem Spaziergang zu bewegen. Er verzog die Lippen verächtlich und erwiderte nichts. Ich begriff meinen Vater, begriff seine Einsamkeit. Als es dunkelte, wollte ich gehen; jedoch er hielt mich zurück mit einem Gebaren, das ich noch nicht an ihm bemerkt hatte. Er wurde sanft, seine Stimme klang weich und wie zerbrochen; er bat mich, die Lampe anzuzünden, und als dies geschehen war, wurde er sichtlich ruhiger. Er sagte, er wollte nicht mehr diktieren, ihm sei das zu mühsam, er wollte sich überhaupt um all die Geschichten nicht mehr kümmern. Zum erstenmal wagte ich es, von Henriette zu sprechen. Er sah mich groß an und schüttelte den Kopf. Das Frauenzimmer hat jetzt mehr Pläsier von der Welt als von mir, sagte er und kicherte zynisch vor sich hin. Ich wußte keine Antwort, verbarg meine Überraschung. Wieder wollte ich aufbrechen, denn ich fürchtete ihn zu stören. Er nahm meine Hand zwischen seine beiden, hielt sie fest und sagte, ich sollte warten, bis er im Bette sei. Dann nahm er eine Kerze, öffnete die Tür zu dem großen Zimmer, leuchtete hinein, ging mit schlürfenden Schritten dem Licht förmlich nach, spähte in alle Ecken, spähte auch in den Flur hinaus, wobei er kurz auflachte, wie um irgend einen Lauerer aufzustören, und ich saß da, schaudernd und von neuem begreifend.
Man darf es nicht wagen, sagte er zurückkommend und schielte mich von der Seite an. Man ist nirgends sicher. Wenn du die Treppe hinuntergehst, kannst du dir das Genick brechen, mein Söhnchen. Überall wartet etwas auf dich, und was du verlachst, kann dein Verderben sein.
Er entkleidete sich mit Hast, warf sich auf das Bett und seufzte. Jetzt kannst du gehen, brummte er mürrisch, aber sieh zu, daß das Schloß einklappt.
Ich ging. Es war schon späte Nacht. Ich irrte herum und kam bis in die Vorstädte.
In den nächsten acht Tagen suchte ich meinen Vater nicht mehr auf. Eine neue Stellung, die ich erlangt hatte, nahm mich sehr in Anspruch. Aber während dieser Zeit wurde mein Geist so von Unruhe gepeinigt, daß ich für die Arbeit ganz abgestumpft wurde. Dennoch hielt mich etwas Schweres ab, zu ihm zu gehen. Ich war feig, ja, ich fürchtete mich vor seiner Furcht. Es war der letzte Sonntag im Februar, als ich mich meiner Pflicht erinnerte. Still war ich herumgegangen und hatte niemandem etwas davon gesagt; und auch das quälte mein Gewissen, als hätte die Welt helfen können.
Es regnete an diesem Tag. Obgleich so viele Jahre verflossen sind, erinnere ich mich, daß vor meines Vaters Haus ein Betrunkener lag, und daß dies einen fatalen Eindruck auf mich machte; besonders das matte, gedunsene, gleichgültige Gesicht des Mannes und seine halboffenen Augen. Johlende Kinder sprangen um ihn herum.
Oben öffnete mir die Bedienerin. Wieder fand ich meinen Vater allein, und zwar in dem großen, leeren Zimmer. Er saß neben dem Spiegel, vor dem kleinen, runden Schachtisch. Er hatte mich nicht bemerkt, meine Schritte nicht gehört. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und war anscheinend in tiefes Sinnen verloren. Kein Laut störte die Ruhe; nichts Belebtes machte die Einsamkeit vergessen. Es sah aus, als ob er seit vielen Stunden so sitze, mit etwas Unerklärlichem beschäftigt. Endlich wagte ich es, laut den Tagesgruß zu rufen, und er hob langsam den Kopf. Er besann sich, nickte; ich trat näher, und er gab mir die Hand wie er in guten Stimmungen zu tun pflegte, fest, mit festem Druck. Aber sein Aussehen war verstört.
Ich denke über die Toten nach, die hinter mir liegen, sagte er. Ich schaue zurück, und jedes Jahr ist ein Zaunpfahl, an dem eine Leiche hängt.
Es ist das allgemeine Los, Vater, entgegnete ich beengt.
Sein Gesicht verzerrte sich wie vor einer Flamme. Allgemeine Los? Warum? Warum? Antworte, du Zeisig? Warum fühl ich dabei? Warum? Warum weiß ich davon? Warum erst alles und dann nichts? He? Warum? Er stand auf und sah mich gebieterisch an.