Gott will es, flüsterte ich.
Gott? Wer ist Gott? Was kann Gott wollen, was nicht ich will? Muß ich sterben, weil ein Gott will, den ich nicht kenne? Ich glaube nicht an den Tod. Oder wie? Wer könnte mich von meinem eigenen Tod überzeugen? Er blickte gegen das regennasse Fenster und gegen den Himmel; sein Hals war dunkelrot gefärbt, und die rechte Hand war geballt. Und doch, was ist zu tun? fuhr er nun mit feierlicher Stimme fort, ohne seine Stellung zu verändern. Es nützt nichts, daß ich leben will, leben, leben. Es nützt nichts, daß ich weiß, auch ihr werdet tot sein, wenn ich’s bin. Es nützt nichts. Wenn’s auch nur noch zehn Jahre sind, was sind zehn Jahre für mich?
Ich erinnere mich, daß ich etwas sagte von unserer Liebe für ihn. Aber er schwieg und hörte nicht. Langsam wanderte er auf und ab, die Hände auf dem Rücken und wiederholte noch einmal vor sich hin: was sind zehn Jahre für mich? Mir standen plötzlich die hellen Tränen in den Augen, und voll Betrübnis schlich ich davon. Immerfort glaubte ich ihn zu hören, den anklägerischen Ton seiner Stimme, den Trotz seiner Worte; immer sah ich ihn einsam in seiner leeren Stube gehen und konnte nicht die Inbrunst und das Furchtbare seiner Augen vergessen, als er ausrief: Was kann Gott wollen, das nicht ich will? Raum und Zeit verachtend, stand er im Mittelpunkt des Weltalls, allein, aufrührerischen Geistes, ein aufrührerischer Fährmann, die abendliche Flut des Lebens befahrend. Die Jahre konnten ihm nichts sein, denn seine Seele hatte stets den Augenblick besessen – und nun verloren.
Den nächsten Tag verbrachte ich mit meinen Angelegenheiten. In der Nacht, die folgte, fand ich keinen Schlaf. Die Luft schien mir schwül, und kaum daß es Morgen geworden, trieb es mich nach der Wohnung meines Vaters. Als ich in sein Schlafzimmer trat, sah ich ihn ruhig auf dem Bett liegen, und daneben hockte Mittelmann, das Schachbrett vor sich, anscheinend stumpfsinnig in ein Problem vertieft. Mich wunderte das so früh am Tag. Mittelmann gewahrte mich und sagte scheu: Ich war die ganze Nacht hier, es war um zwölf Uhr, solange spielten wir. In dieser Stellung brachen wir ab. Sehr interessante Stellung, sehen Sie nur.
Geschwätzig redete er weiter. Ich blickte unbeweglich auf die geschlossenen Augen des Greises. Sein Gesicht zeigte denselben Ausdruck des Trotzes, wie vor zwei Tagen.
Die Fenster waren geöffnet, und die Sonne strahlte herein. Ich wurde so traurig wie nie zuvor; und doch war es mir, als hätte ich meinen Vater schon tot hingestreckt gesehen damals, als Bianca ihm vorlas.
Am nächsten Tag begrub man ihn. Den armen Mittelmann führte ich darnach in ein Wirtshaus und gab ihm satt zu essen.