Die Freunde stutzten und schwiegen. Einige begriffen nicht recht, was er meinte, und er fuhr achselzuckend fort: »Mission ist freilich ein viel zu anspruchsvolles Wort. Man dürfte seinen Ehrgeiz nicht über die Haltung eines honetten Handwerksmeisters spannen. So war es in früheren Zeiten. Das Außerordentliche entstand gleichsam durch bescheidenen Zufall, nicht in priesterhafter Gier und Askese. Was erstrebt man denn, was ersehnt man denn? Man will das Formlose formen; was die Natur zerstückelt liegen läßt, zusammenfügen und es der großen Vergeuderin und Zerstörerin entgegenhalten. Unzulänglich bleibt man dabei immer, aber es ist wunderbar, so lang das Material gehorcht, und das Auge, und die Hand. Zerrinnt einem aber der Stein, den man aus dem Bruch schlägt, zu flüssigem Sand, flattern von der Fackel, die man am großen Weltenfeuer entzündet hat, statt der Flammen rotgefärbte Papierfetzen empor, so ist es schlimm, mehr als schlimm, es ist das Ende.«
Mit jäher Bewegung erhob er sich und ging ohne Gruß. Die Freunde sahen einander verwundert an.
Eine Zeit lang verschanzte er sich in seinem Hause, und niemand konnte zu ihm gelangen. Dann hieß es, er sei verreist, um in der Stille eines Landaufenthalts Sammlung zu gewinnen. Aber schon nach ein paar Tagen kehrte er zurück. Sein Aussehen erregte Besorgnis. Tiefe Gruben hatten sich in den Wangen gebildet; der Blick war der eines Kranken. Er kam wieder zu den Freunden und gestand, die Einsamkeit sei ihm Pein. Doch auch Geselligkeit schien ihn nicht aufmuntern zu können. Man machte ihm in liebevoll-scherzhafter Weise den Hof, man schmeichelte ihm, man erwies ihm zarte kleine Ehrungen; umsonst, es war ihm kaum ein Lächeln abzulocken. Er stellte sich fast jeden Abend ein, wie einer, der vor sich flieht; er bat, man möge ihn bloß dulden, wenn es zum Ärgsten komme, werde er trachten, nicht zur Last zu fallen. Was er unter dem Ärgsten verstand, darüber äußerte er sich nicht; die Hausfrau, die seine ergebenste Anhängerin war, zog ihn beiseite und beschwor ihn, sich zu fassen, zu erheben; er mache durchaus den Eindruck eines Menschen, den ein Phantom zum Narren hält; man sei so viel Befeuerung von ihm gewöhnt, so viel gesunde, heilsam wirkende Kraft, dies könne doch nicht mit einem Mal zu nichte werden; ob sie ihm helfen könne, ob er sie des Vertrauens nicht mehr würdige? Sie sei zu jedem Opfer bereit, sie wie auch alle andern, die bestürzte Zeugen seiner Verwandlung seien.
Er schüttelte den Kopf. »Zu helfen ist da nicht,« antwortete er; »es wäre besser, Sie zerrten mich nicht aus der Dumpfheit heraus. Das letzte Versteck darf man mir nicht nehmen; gegen Beleuchtung wehrt sich alles in mir, die Dinge bekommen dadurch ein zu prahlerisches Gesicht. Mein Fall ist an sich gering; legt ihr ihm Bedeutung bei, so werdet ihr nur zu Urhebern von neuen Leiden. Was ich an mir erfahre, ist doch bloß die Folge einer vielfach verschlungenen Kette von Selbsttäuschungen und Selbstüberschätzungen. Man hat sich zu lange gefallen, man hat sich zu lange beruhigt, man hat immerfort behaglich im lauen Wasser geplätschert. Die Erkenntnis ist schmerzlich. Wie wäre einem Menschen zu helfen, der niemals in einen Spiegel gesehen hat, der bis zu dem Moment, in dem es geschieht, im Wahn befangen war, er sei schön, er sei wohlgebildet, er habe angenehme Züge, und plötzlich grinst ihm aus dem Glas eine abscheuliche Fratze entgegen? Wie wollen Sie dem helfen? Daß mich ein Phantom zum Narren hält, ist außerdem noch wahr.« Er zögerte in ungewisser Scham und fuhr fort: »Stellen Sie sich vor, daß ich nicht allein sein kann, ohne daß mir zumute ist, ein dringlich fordernder Gläubiger sei hinter mir her und verlange die Bezahlung einer Schuld. Und zwar ein Gläubiger, dem ich zu Dank verpflichtet bin, der mir große Dienste geleistet hat, den ich wiederholt, mit guten und schlechten Gründen, habe vertrösten müssen und der nun, selbst in Bedrängnis, das langgefristete Darlehen nicht mehr stunden will. Das ist keine Figur, liebe Freundin, kein Gleichnis für einen beengten Zustand, es ist eine Realität. Auch okkulter Einfluß kann eine Realität sein. Sie wissen, daß ich Skeptiker genug bin, um solchen Anfechtungen zu widerstehen. Wer hat sich nicht schon über meine Trockenheit beklagt, in dieser wie in anderer Beziehung! Hier scheitern vernünftige Erwägungen an einer Vision, an der der ganze Organismus teil hat, das furchtbar genaue Wissen darum, wie es um mich bestellt ist. Leute meines Schlags kennen ihr eigenes Innere so gut wie die Bureauschreiber ihren Registrier-Apparat, und wo da die Tugend aufhört und die Sünde beginnt, ist schwer zu sagen. Die Quelle, die uns nährt, ist zugleich vergiftet, und wir sterben daran, ohne das Gift zu spüren.«
»Aber was wir davon spüren, wir Zuschauer und Zuhörer, ist Freude und erhöhtes Leben,« versetzte die Freundin herzlich und reichte ihm beide Hände.
Mörner blickte grübelnd vor sich hin. »Bei alledem, sollte man es glauben,« sagte er mit einem Rest von Selbstverspottung im Ton, »bei alledem ist es wie eine letzte Genugtuung, daß er kommt, dieser Gläubiger, daß er mahnt. Er hält mich also noch für zahlungsfähig, ich habe also noch Kredit in der Geisterwelt. Sonderbar, daß wir nicht ärmer werden, wenn wir dort unsere Schulden begleichen, im Gegenteil. Nur muß man eben zahlen können, und ich kanns nicht. Die Kassen sind leer bis auf die Neige. So arm darf man nicht werden, oder man hat miserabel gewirtschaftet.«
Mörner begab sich wieder zu den übrigen, die harmlos plauderten, die Hausfrau folgte ihm mit zwiespältigem Gefühl. Die unerbittliche Logik in der Verwirrung überraschte sie und stimmte sie nachdenklich. Da ging eine Abrechnung vor sich, hartnäckiger und ernsthafter als dem bloß für Alltags-Ungemach geschulten Blick erkennbar war.
Das Gespräch geriet auf die Zeitumstände, und ein junger Lehrer der Philosophie machte die Bemerkung, in einer Epoche, wo die Wirklichkeit soviel Stoff produziere wie in der gegenwärtigen, das stürmisch fließende Schicksal soviel rohes Material ans Ufer schwemme, in einer solchen Epoche müsse die schaffende Phantasie durch ein automatisch funktionierendes Ausgleichsgesetz erlahmen; erst spätere Geschlechter seien wahrscheinlich imstande, das chaotisch Hingeworfene, Strandgut der Geschichte, zu neuen Bauten zu benutzen. Daher der Verfall der Kunst, daher das Versagen der Künstler.
Mörner, der bislang schweigend zugehört hatte, unentschlossenen Anteil in den Mienen, zuckte plötzlich auf. Es war eine nicht sehr taktvolle Äußerung im Hinblick auf ihn, das empfanden alle, auch der Sprechende selbst, der errötend abbrach. Aber sie war nun einmal getan. Mörner erhob die Hand mit gespreizten Fingern, als wolle er verhüten, daß ihm ein anderer im Wort zuvorkomme und sagte: »Ach nein, nein, nein. Unleugbar steht uns die Zeit entgegen, aber nicht wegen der Überfülle des Geschehens, sondern wegen der Zerstörung der Geister und der Seelen. Von welchen Flammenausbrüchen genialer Naturen sind vergangene Umwälzungen begleitet gewesen! Wollt ihr Namen? Sie wimmeln. Jede Revolution hat Propheten und Gestalter aus ihrem Schoß geboren; einen, der die Eroica in die brüllende Woge schleuderte, einen, der seinem grandiosen Schmerz die Hermannsschlacht entriß, einen, der mitten in gewaltigen Gärungen die Tribüne der Comedie humaine errichtete. Gerufen von der Sehnsucht ihrer Welt, gaben sie ihr Stimme und Bild, wiesen ihr die Wurzel und den Gipfel ihres Geschicks. Heute aber? War jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? Sagt mir nicht, er sei vielleicht da, irgendwo unter uns, der glühende Zeuge und wunderbare Architekt, und ich vermöchte ihn bloß nicht zu sehen und zu hören. Du und du und Sie und Sie und ich, warum sollten ihn wir nicht ahnen, nicht kennen? Würden nicht unsere Nerven bei seinem geringsten Hauch vibrieren? Wäre er nicht Fleisch von unserm Fleisch, Blut von unserm Blut? wer sollte ihn wissen, wenn nicht wir? Es gibt ihn nicht. Seine Entstehung schon wird im Keime erstickt. Der Schoß ist unfruchtbar geworden, es kommt nicht mehr bis zur Kristallbildung; es bleibt beim Ansatz; in den Elementen ist kein Wille, sich zu ballen; die ruhende Sehnsucht ist nicht produktiv. War jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? frag ich noch einmal; so müde, so stumpf, so entblättert, so kurz von Atem und so kühl im Hirn? Spürt ihr es nicht, wie keine Resonnanz wird? Kein Sinn will mehr aufnehmen; es sei denn die gröbste Nahrung; nichts ist Besitz, alles Erwerb; nichts Erlebnis, alles Kitzel; keinem Gemüt prägt sich das Wesen ein, nur die Verzerrung davon; die Ehrfurcht ist geschwunden, die Überlieferung abgeschnitten, der Glaube tot, das Wissen ein mörderisches Narkotikum. Kein Zusammenhang und Zusammenklang, in der Höhe nicht, in der Tiefe nicht, bei den Guten nicht, bei den Bösen nicht. Hinten versinkt alles in Abgründen, vorne öffnen sie sich. Panische Flucht nach allen Seiten; Angst, sich zu verpflichten, Angst vor der Hand, die sich bietet, Angst vor dem Schmerz, Angst vor der Wahl, Angst vor jeglicher Entscheidung, Angst sogar vor der Erinnerung an den verlorenen Gott. Und wird euch denn nicht ebenfalls Angst, wenn ihr die Heraufkommenden betrachtet, diese Zuchtlosen, ihre Lust an der Raserei, an der Tobsucht des frierenden Verstandes; ihren Götzendienst vor der Chimäre, den Kultus vor dem Golem, die grauenvoll ummauerte Isolierung eines jeden, in der er, um sich und die andern Isolierten zu betäuben, wie ein verrückt gewordener Anachoret nach Verbrüderung schreit, rachsüchtig und voll Haß in seiner Wehleidigkeit? Was soll werden? Man kann eine Ruine aufbauen, wenn das Material noch halbwegs brauchbar ist, aber aus morschem Plankenwerk und wurmstichigen Brettern ein seetüchtiges Fahrzeug zimmern, das ist unmöglich. Da habt ihr die Krankheit. Da ist es aufgerollt, das Gemälde der Katastrophe, meiner und aller derer, die noch gutgläubig oder weil sie sich der schrecklichen Klarheit eine Weile noch verschließen wollen, am Werke sind. Morituri te salutant. Es ist kein Cäsar da; grüßt man also die Blinden und Tauben, die unsere Geschicke lenken? Sie bilden sich nur ein, zu lenken, sie werden mitgeschleift und mitzerschmettert.«
Während er so sprach, hatte es Mörner geschienen, daß die Tür aufgegangen und jemand eingetreten war. Er schaute sich um, bemerkte aber keinen Hinzugekommenen, auch verriet nichts in den Mienen der Freunde, daß sie eine gleiche Wahrnehmung gemacht. Die Augen ruhten groß auf ihm, mit scheuem und betroffenem Ausdruck. Indessen wich das Unbehagen nicht von ihm, das die verborgene Anwesenheit eines Fremden verursacht. Sein suchender Blick prüfte die Gesichter. Es war kein neues darunter; er kannte jedes. Doch dünkte es ihn, im Hintergrund des Raums, zwischen Flügel und Bücherkasten, wo das Licht sich verlor, sitze eine Person, die vorher nicht dagewesen war. Er wagte es nicht, sich zu vergewissern, hielt aber das Gefühl für untrüglich.