Die wohllautende Stimme eines jungen Mädchens sagte: »Ist denn nicht, wer schafft, im tiefsten Sinne ohne Zeit? Ist es denn diese eine, nahe, bestimmte Welt, die ihm notwendig ist, und nicht vielmehr eine übertragene obere, die sein Traum wahrer macht als die untere? Sie selbst haben es uns so gelehrt. Nicht in Worten; im Beispiel. Und was wir so oft mißverstanden und falsch verstanden haben, daß der Dichter ein entselbsteter Mensch ist, so nannten Sie es ja, der Mensch ohne Partei, ohne Meinung fast, dem alles Leben zur Speise wird, ist das denn nicht mehr das Gesetz, dem Sie sich demütig beugen, wie Sie immer getan haben?«

Mörner senkte den Kopf, und als er antwortete, war es ihm, als stehe er nicht der sanften Fragerin Rede, sondern der verborgenen Person, die er im Zimmer wußte. »Widerstände können wachsen,« sagte er; »es ist jedesmal ein harter Weg dorthin, in die obere Welt; eines Tages sind die Schranken unübersteiglich. Die Kraft reicht nicht mehr zu; der Mut ist nicht mehr da. Werktätigkeit beruht auf Wechselwirkung. Das Leben ist meine Speise, freilich; wenn aber die Speise faulig wird, wie dann? Wenn die Augen nicht mehr sehen können, das innere Membran nicht mehr erzittert, das Bild nicht mehr zu fassen ist, das Gefühl seine Sicherheit einbüßt? Wie dann? Beide Welten, die obere und die untere sind mir zu Schemen verblaßt. Ich kann nichts mehr greifen, es bleibt mir nichts in der Hand, ich bin zur Ohnmacht verurteilt, ich bin ein Selbst geworden.«

Er lächelte traurig, zuckte die Achseln und schwieg. Sein Ohr lauschte in die Richtung, wo der Unsichtbare saß. Der aber verriet seine Gegenwart durch keinen Laut und keine Bewegung. Als das junge Mädchen sich zum Flügel setzte und ein Bachsches Präludium zu spielen begann, schien er seinen Platz zu verändern.

Mörner wollte die Freunde durch seine Gegenwart nicht länger bedrücken und entfernte sich still. Durch die mitternächtlich verödeten Straßen trat er den Heimweg an, doch war ihm nicht wohl zumute bei der Aussicht auf Alleinsein in seinem Hause.

Er hörte Schritte hinter sich, eine Weile schon. Es folgte ihm jemand.

Die Luft war mild, das Gewölbe bis in die Unendlichkeit umschleiert. In der Dunkelheit wuchtete Ahnung, die die Seele zusammenpreßte und sie aufsteigen machte gleich einer artesischen Säule. Er erinnerte sich solcher Nächte aus seiner Jünglingszeit. Es waren dieselben flaumsüchtigen Wolken gewesen, damals, in der Stadt seines Elends, mitten im Herzen Deutschlands, dieselbe bittersüße Feuchtigkeit in der Atmosphäre, dasselbe heimliche Säuseln und Brodeln in der Erde. Warum war ihm das Längstvergangene heute nah? Kündigte sich Prüfung an und neue quälende Überschau? Parade über die Truppen vor der Abdankung? Ein Laut war wie Vogelruf, genau wie damals aus dem Gebüsch am trüben Fluß, der die Fabrikwässer führte. Aber damals war es Verheißung gewesen, heute war es Verzicht; damals Ankunft, heute Abschied; damals hatte Romantik um die verschlossenen Tore und schwarzen Fenster geschauert, heute das frostige Wissen. Drei Jahrzehnte vergeblichen Wegs in eine Sackgasse!

Er ging langsamer; der ihm folgte, verzögerte ebenfalls den Schritt. Er ist es, durchfuhr es Mörner, und seine erste Regung war, zu fliehen. Doch trotzte er ihr; an einer Ecke unter einer Gaslaterne blieb er stehen. Der andere kam heran, lüpfte den steifen niedern Hut und sagte leise: »Guten Abend.«

Es war ein Mann von nicht genau bestimmbarem Alter; Mitte der Dreißig ungefähr; jugendlich schlank, aber in der Haltung etwas schlaff und im Gang schleppend. Soviel sich im ungewissen Licht ausnehmen ließ, waren die Haare blond. Die Kleidung war adrett, obwohl ein wenig abgetragen. Das bartlose Gesicht war auffallend hager, mit tiefliegenden blauen Augen und erstaunlich scharfen Kerben um den Mund. Alles in allem war es ein schönes, zumindest ein schön gewesenes Gesicht, das nichts Vulgäres an sich hatte.

»Ich hoffe, Sie nicht zu stören,« sagte der Unbekannte mit achtungsvoller Artigkeit, die den Mann von Erziehung verriet; »wir haben den nämlichen Weg, scheint es; darf ich Sie begleiten?«

Mörner verbeugte sich kühl. Er zürnte sich wegen der Beklommenheit, die er empfand. Seite an Seite setzten sie den Weg fort.