Er lachte. »Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem Plan,« erwiderte er spöttisch. »Da hätte ich mich ja ebensogut mit dem eifrigen Israeliten aufs Feilschen einlassen können. Aber das liegt nicht im Plan. Der Preis, von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Münze bezahlt werden. Chance ist Chance, Madame. Es wäre ja geschmacklos, wollte ich vor Ihnen den Attila mimen; aber ich bin nun einmal der Diktator der Stadt, und alle die Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem Behälter. So stehen die Dinge. Andrerseits weiß ich, daß eine solche Affäre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen ist, und wenn Sie die Pression, die ich auf Sie ausübe, unanständig finden, bin ich bereit, ein Versprechen zu leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um Breite eines Haares näherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit für wünschbar halten. An dieses Wort will ich mich binden, dürfen Sie mich binden. Weigern Sie sich noch immer, so haben Sie die Folgen selbst zu tragen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. »Ich warte, Maria Jakowlewna,« sagte er; »von jetzt an in einer Stunde werde ich auf Sie warten. Zögern Sie nicht zu lange; die Nacht ist kurz.«

Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die Klinke in der Hand hielt, wandte er noch einmal das Gesicht zurück und sagte, wieder mit gestrecktem Kinn: »Ich bin ein waghalsiger Spieler, aber auch ein ehrlicher. Meine Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf ziemlich schwachen Füßen. Es ist möglich, daß ich morgen in aller Frühe mit meinen Leuten werde abziehen müssen. Deutsche Truppen sind gemeldet. Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die Zeit, euch den Prozeß zu machen, und Sie kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal nach, was für ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt so unvorsichtig aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es lohnt sich.«

Er verschwand.

Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. Alle legten sich gleich hin und verzehrten nur ein paar Bissen zum Nachtessen, halb schlafend schon. Jefim hatte eine Liegestätte unter der Treppe gefunden. Auch Maria warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte. Menasse bat noch um eine Unterredung. Er ließ sich nicht abweisen. Er wollte erfahren, was sie mit Golowin gesprochen habe. Auch die andern draußen seien aufs äußerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen gefallen, als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen. Maria fühlte sich erschöpft; sie vertröstete ihn auf den nächsten Morgen. Er sagte, nur sie könne das Unheil abwenden; Graf Duchorski lasse ihr seine unbegrenzte Verehrung wissen; die Herren samt und sonders erwarteten geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drängte den Schwatzhaften endlich über die Schwelle.

Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, geschah es wie auf Befehl. Ihre Gedanken waren im Nu gesammelt und klar. Der Raum war voll Mondlicht. Sie sah auf die Uhr; es war halb zwölf, sie hatte also drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete ihr Haar, brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche ein Spitzentuch und nahm es um die Schultern, dann verließ sie auf Zehen das Zimmer. Sie stieg die enge Holztreppe empor; der Treppe gegenüber war eine Tür. Während sie überlegte, öffnete sich die Tür, und Golowin stand vor ihr.

Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein Licht drinnen war, verharrte sie betroffen. Doch lag die Kammer auf der Mondseite, und der Mond erzeugte solche Helligkeit, daß jede Bodenritze und jedes Spinngewebe erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel breiter als die Fensteröffnung, nicht viel länger als die eiserne Bettstelle. Außer dieser war nur noch ein Tisch und ein Stuhl vorhanden. Die Wandbretter hatten zum Teil ihre Befestigung verloren und hingen schief und morsch. In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah über niedrige, mondglänzende Dächer bis zum Hafen hinaus, dessen Fläche ebenfalls im Mond schimmerte.

»Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anzünden, obwohl nur noch ein Stümpchen da ist,« sagte Golowin; »ich meinerseits ziehe die natürliche Beleuchtung vor. Die ganze Zeit, während ich hier geduldig auf Sie gewartet habe, hat es mich beschäftigt, mir Ihr Gesicht im Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, nicht wahr? Ich bin sicher ein heimlicher Romantiker; außen ein wenig ruppig, aber innen Romantiker, ganz sicher.« Er lachte.

Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. Er sagte: »Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist höchstens für mich zum Balanzieren praktikabel. Ich muß Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten; I know, that’s a funny misfortune, aber alles ist nun einmal aufs Heikle zugespitzt, wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung nicht aufhalten. Bitte nehmen Sie Platz.«

Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, spürte daß sie errötete, fröstelte unter einem kühlen Luftzug vom Fenster her, zog das Spitzentuch fester, schaute Golowin schweigend an. Ihre großen dunklen Augen, denen die Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh, glänzten feucht. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie in ihrer mutigen und offenen Art; »ich werde das Gefühl nicht los, als ob Sie in einer Verkleidung steckten. Sind Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind Sie?«

Er hatte sich nachlässig auf die Tischkante gesetzt und die Arme verschränkt. »Also curriculum vitae?« antwortete er lachend. »Verkleidung? Nein. Ein bißchen buntscheckig, ja. Oder zwiebelähnlich, mit vielen Schalen.« Er räusperte sich und heftete den Blick ins Freie. »Ich sehe ein, daß es unartig wäre, Ihre Wißbegier nicht zu befriedigen,« begann er; »ich will knapp sein wie ein Lexikon. Geboren in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem Einschlag im Blut; Mutter: Engländerin, Pastorentochter. Alter: sechsunddreißig. Erzogen in der Kadettenschule. Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Müßig herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der Eltern völlig mittellos. Eines Tages die Kräfte zusammengerafft; Elektrotechnik studiert; gehungert; nach Schweden gegangen, nach Norwegen. Mich anheuern lassen auf einem Walfischfänger; zwei Winter im grönländischen Eis verbracht. Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. Nach Island gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizitätswerk gebaut. Geheiratet; Tochter eines Rheeders; mit ihr nach London gereist; höllisch betrogen worden von ihr; kurzen Prozeß gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, bei Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer Dampfwäscherei gearbeitet; auf einem Kohlendock in Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei der Illinois railway company; als Zeichner und Ingenieur in San Franzisko. Große Affäre: die beiden Töchter eines Holzmagnaten verführt; von gedungenen Strolchen beinah erschlagen worden; sechs Monate Spital. Nach Paris gegangen; Reporter für Newyork-Herald geworden; im Jahre 12 nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen beigetreten; im Jahre 14 Einberufung zur Marine; Vertrauensmann der Besatzung geworden; den Umsturz mitherbeigeführt, und nun,« er verbeugte sich bizarr, »der Auszeichnung gewürdigt, meinem verehrten Gast diesen Steckbrief überliefern zu dürfen.«