Sie sagte heiter: »Kann man denn einen Menschen so ohne weiters haben? so nach Gelüst und Gelegenheit? wie man einen Apfel vom Baum holt, auch aus einem fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, weil man Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist sie sonst nichts als der Bissen? als die Beute? als das Vergnügen einer Stunde? Wenn Sie dieser Ansicht sind, – bitte.«
Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mit abgewendetem Gesicht dort stehen. Der Mond beleuchtete nur noch ein kleines Stück der Wand.
»Meinen Sie im Ernst, Sie hätten mich dann gewonnen?« fuhr Maria fort. »Vielleicht hätten Sie mich zerstört, sicher beschimpft, unerhört erniedrigt, aber gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krüdener, und nicht vielmehr eine seelenlose Hülse von mir? Ob man lebendige Menschen in Feuerlöcher wirft oder sie zu Opfern einer Zufallsbegegnung macht, läuft auf dasselbe hinaus. Haben, was für ein gemeines Wort! was heißt denn haben, wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen ist, halb Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.«
Golowin schwieg noch immer.
»Die Rechnung ist für mich nicht sehr kompliziert,« sagte Maria; »ich soll das Zahlungsmittel abgeben für die Freiheit, wahrscheinlich auch für das Leben von etlichen fünfzig Menschen, darunter meine Kinder und ich selbst. Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir offenbar nichts anders übrig, als in den elenden Kaufvertrag zu willigen. Schön. Es ist nichts Besonderes, nichts Erschütterndes im Vergleich mit den großen Ereignissen. Es ist ein Schicksal, mit dem man sich abzufinden hat. Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt. Aber soll sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der Sie gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir leid. Es ist eine uralte und furchtbar gewöhnliche Weltordnung, das.«
Ohne sich vom Fenster zu rühren, antwortete Golowin mit dumpfer Stimme: »Sie mißverstehen mich mit Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie müssen als Weib unrüttelbar fixiert sein, daß Sie Selbstverständlichkeiten mit einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. Ich habe meine Augen im Kopf und meine Witterung in der Nase. Kann sein, daß die Bussole da drin ein bißchen an Richtung verloren hat; die Nadel schießt verzweifelt nach links und rechts, als stünde sie überm magnetischen Pol. Daß Sie um und um und bis in die letzte Faser fixiert sind, habe ich trotzdem gespürt, und das war ja der Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir entgegensteht. Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. Dieses Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm stellen. Aber ich rieche ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.«
Durch Marias Körper lief ein Schrecken wie nie zuvor.
Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: »Sie reden von ihm mit jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen wie er es gutheißt und befiehlt. Aber Sie würden jetzt nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon gelungen wäre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, aber mich können Sie nicht wegdrängen, und er kann Ihnen bald nicht mehr helfen, seine Arme werden lahm.«
»Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,« sagte Maria.
»Haben Sie mich für einen bübischen Schänder genommen, für einen Dutzendhallunken? Ich kenne die Wege, die zu den verborgenen Flammen führen. Wer sagt Ihnen, daß ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten verzichten will? auf die Entzückungen der Allmählichkeit? auf die Überraschungen und kleinen süßen bittern Süßigkeiten, die einen Leib mit einem Leib befreunden? Aber vielleicht bin ich imstande, vielleicht maß ich mir an, die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden zu pressen, die von der Faulheit und dem Mangel an Schwung in so öde Länge gezogen wird, daß die Ermattung und die Erfüllung nicht mehr Ähnlichkeit miteinander haben wie ein Schiff, das vom Stapel läuft mit einem Wrack auf einer Sandbank.«