»Es ist möglich, daß Sie dazu imstande sind,« sagte Maria, »aber Sie können nicht einen Stoff in einen andern Stoff verwandeln, Sie können nicht das Gesetz eines Lebens umstoßen.«
Golowin lachte spöttisch. »Käme auf den Versuch an. Es ist eine Frage der Magie.«
Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo er stand.
»Sie sprechen von Zufallsbegegnung,« fuhr er fort. »Ich meinerseits glaube nicht an solchen Zufall. Sind Sie so fest davon überzeugt, daß Sie bloß eine Verkettung unbestimmbarer Umstände in diese Stadt, in dieses Haus gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein Beschluß? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir hätten auch zufällig auf eine entlegene Insel verschlagen werden können, um wieder von Robinsonaden zu reden. Wieviel Tage hätten Sie sich Frist gegeben bis zur Hochzeit? Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang hätte, einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann gegenüber, Ihr Blut geschwiegen, falls ich sogar aus Schlauheit oder Berechnung unterlassen hätte, es zu schüren? Würden Sie einen Triumph darin erblicken, eines Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige zu bleiben? Treue; was ist Treue? Eine Übereinkunft, durch die man Entbehrungen legitimiert, die Machtprobe eines Besitzenden, das Gitter gegen den Einbruch der Ausgestoßenen, ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte Hand.«
»Ich weiß mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,« antwortete Maria; »es hängt doch alles davon ab, ob der Funke, den man schlägt, Feuer gibt oder nicht.«
»Gewiß,« pflichtete Golowin bei und näherte sich wieder; er trat in den dunkelgewordenen Teil des Raums und lehnte sich an die Bretterwand; »gewiß. Wir in unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt. Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drüben in Übersee. Das sind Leute, die sich auf die Methoden verstehen. Es ist eine ererbte Kunst, von Jahrtausenden her. Sie lächeln über unsere Finten und Schliche, sie machen sich lustig über unsere Vierschrötigkeit und Dickhäutigkeit, sie zucken die Achseln über das, was wir unglückliche Liebe nennen. So wie man dort im Osten ein ausgebildetes System hat, das den Schwächsten befähigt, einen Athleten zu bändigen und auf die Knie zu bringen, verleiht eine langwirkende Überlieferung dem mit Erkenntnis Begabten die Macht, auch in das widerspenstigste Material körperliche Liebe zu pflanzen. Körperliche Liebe, also Liebe überhaupt, wenn man absieht von der europäischen Unzucht, die Dinge der Natur ins Blümerante und Schöngeistige zu verdrehn. Erinnern Sie sich an die berühmte Skandalgeschichte von der Entführung der Miß Holywood in Neuyork? Sie war eine Schönheit ersten Ranges, umworben von der männlichen Blüte des Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. Eines Tages war sie verschwunden; spurlos, rätselhaft. Man setzt für ihre Auffindung Prämien von schwindelnder Höhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt in einem der schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. Man verhaftet eine Anzahl Chinesen, der eigentlich Schuldige ist entwischt. Die junge Dame bringt man in das Haus ihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie steht nicht Rede; sie kann sich dem früheren Leben nicht mehr bequemen, sie leidet unter Ausbrüchen von Wut und krankhafter Depression, die Ärzte vermögen nichts über sie, die früheren Freunde nichts, und während man alle Hebel zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine Verbindung mit dem Entführer herzustellen; plötzlich ist sie zum zweiten Mal verschwunden, und wie sie in einem hinterlassenen Brief mitteilt, ist es ihr freiwilliger Entschluß gewesen, zu dem Chinesen zurückzukehren. Die amerikanische Gesellschaft war natürlich außer sich, denn was gibt es in ihren Augen Verächtlicheres als einen Chinaman? Mich beschäftigte die Sache ungemein. Da ich keinerlei Kasten- und Rassendünkel kenne, scheute ich mich nicht, meine chinesischen Beziehungen dahin auszunützen, daß ich über den mysteriösen Fall, der durchaus kein vereinzelter war, wie ich später erfuhr, verschiedene Aufschlüsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen sind sehr zurückhaltend, außerdem behaupten sie, es gäbe auf diesem Gebiet zwischen ihren und unsern Anschauungen keine Verständigung. Es fehlen die Vokabeln schon, behaupten sie. Aber das Glück wollte, daß ich auf einen prachtvollen Lehrmeister stieß, einen Burschen so fein wie Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hören Sie auch zu? Ich sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie werden nichts wissen wollen von dieser Weisheit und Feinheit, die in ein Labyrinth führt. Und was fruchtet sie mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth sträuben? Es weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander Ding als unsre Miniaturleidenschaften und gestatteten Gefühle. Bei dieser Mischung von Gelehrsamkeit und narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, daß der Mensch von der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden muß. Wer von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der größte Verbrecher nicht. Dostojewski; aber die Angst bleibt auch bei ihm. Mein Chinese entwickelte unter anderm eine ganze Philosophie der sinnlichen Beeinflussungen und Übertragungen. Die Herrschaft über das lebendige Instrument ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell, aber unsere Frauen verlieren schon im ersten Stadium die Widerstandskraft. Je höher gezüchtet eine ist, je wehrloser ergibt sie sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis einer solchen Frau gelesen; die erstaunlichste Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und kühn. Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors in Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen war. Sie sprach von dem Glück des Grauens, von der Wonne der Verlöschung, und daß sie keine Gewissensbisse darüber empfinde, die Seele, diesen lügenhaften Frieden der Seele, hingegeben zu haben, für die Flammen, die sie umprasselten und dem Augenblick des Todes den der Auferstehung des Fleisches folgen ließen. Das klingt wie Wahnwitz und ist in der Tat vielleicht eine Form der Hysterie. Überdies soll sie vor ein paar Jahren in einer Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener rechter Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber reizte mich, es mit der Praxis zu versuchen, und die Erfolge waren nicht übel; die Schule bewährte sich. Freilich fehlte das letzte Geheimnis; was hätte ich gegeben um das letzte Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu seicht; der europäische Mensch ist nicht eng genug; etwas Ähnliches sagt schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte die Probe bei vielen an. Die Wildesten wurden zahm; wie Würmer so zahm wurden sie. So eigentümlich entseelt waren sie nach kurzer Zeit, als hätte man aus ihrem Gehirn gewisse Bewußtseinskomplexe mit dem Messer entfernt. Man wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, man umschlingt sie unbemerkt, die wunderbaren Körperchen, bemächtigt sich ihrer, indem man den Sklaven macht, den unhörbaren Schatten, das unentbehrliche andre Ich, das verachtete und verstoßene Teil, die böse lockende Chimäre. Und so zieht man das Menschlein an sich, bis es nicht mehr entschlüpfen kann. Es gibt da Zärtlichkeiten wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die Spitze jedes Fingers, jede Stelle der Haut, die Höhle unter der Achsel, das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zärtlichkeit dressiert, und dankt. Jedes Glied an dem geliebten Leib dankt. Jedes ist hingeschmolzen in seine besondere Lust, jedes erwacht für sich als wie ein jauchzendes williges Tierchen, ein Flammentierchen und was man in Armen hält, ist ein Wesen ohne Scham und Lüge, ohne Geist und ohne Angst, unergründlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,« seine Stimme, die zuletzt ein Flüstern geworden war, erhob sich und klang durch den Kontrast wie ein Schreien, »wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz packe, gehört es mir, so oder so. Lassen wir die Erzählungen, die Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor hunderttausend Jahren war. Ja, ich reiße Ihre Brust auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr, keine Gestalt, kein Gelöbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. Ich will drin verbrennen und verdorren, wenn es sein muß, aber geben Sie mir Liebe.«
Der Mond war untergegangen. Es war völlig finster geworden. Maria erhob sich, tastete sich zum Tisch und griff nach der Kerze. Sie fand Zündhölzer daneben und machte Licht. Besorgt sah sie, daß das Stümpchen nicht lange brennen würde. »Liebe,« murmelte sie, »Liebe.«
»Warum töten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?« fragte Golowin zu ihr hinüber.
»Ich verscharre nur den Leichnam, getötet haben Sie es,« antwortete sie ernst. »Ein Leben lang.«
»Moral, flaue Moral,« sagte er achselzuckend; »der Hieb ist zu matt, ich pariere ihn nicht.«