Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Märchenerzählerin, die alles, was sie sagte, durch den bloßen Klang versinnlichte: »Auf dem Gut hörte ich eine Geschichte von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab sich Petruschka auf die Wanderschaft und blieb viele Jahre fort. Als er heimkehrte, brachte er einen Sack voll Gold mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka gierig. Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing an, ein stolzes Schloß zu bauen. Nikituschka läßt sich den Weg erklären, macht sich auf, kommt aber nach einer Zeit müde zurück. Ich habe mich verirrt, sagt er. Da begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, in den der Stollen führt und sagt: in den Stollen mußt du hinunter und viele Jahre graben. Es dauert nicht lange, da erscheint Nikituschka abermals unverrichteter Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre unter der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das ist einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, sagt Petruschka, du siehst ja, daß ich mir da ein Schloß baue; wovon soll ich die Bauleute entlohnen? Hilf auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem Gold.«
Sie schwieg.
»Der Hieb ist nicht stärker geworden,« sagte Golowin lächelnd; »Petruschka hätte teilen sollen, als er mit dem Gold zurückkam.«
»Was hätte es Nikituschka genützt?« erwiderte Maria mit Eifer; »er hätte seinen Anteil verschwendet und wäre so arm gewesen wie zuvor.«
»Besser zu verschwenden als mühselig zu graben,« beharrte Golowin, noch immer lächelnd und sah sie aus den Augenwinkeln an.
»Der Verschwender ist ein Dieb,« sagte Maria; »man muß im Stollen gewesen sein; man muß gegraben haben.«
»Man muß, man muß,« spottete Golowin, und der Blick aus den Augenwinkeln wurde funkelnd; »hab ich etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?«
»Nicht Gold gefördert, nicht Petruschkas Gold,« wehrte Maria mit erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick als seine Worte; »wenn Petruschka fragt: was hast du im Stollen gemacht, so werden Sie ihm antworten müssen: was dich kränkt, was dein Gemüt vergiftet, was dir Leiden bereitet, dir und deinen Brüdern. Petruschka hat gebaut.«
Golowin entgegnete nichts. Er drückte den Hinterkopf an die Bretterwand, fuhr fort zu lächeln, fuhr fort, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten. Eine eigene Unruhe bemächtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende und sie allmählich ganz einhüllende seltsame Scham. Ihr wäre am liebsten gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu verschwinden. Es ging so weit, daß sie sich ärgerte und sich innerlich Vorwürfe machte, die Kerze angezündet zu haben. Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den Ohren und im Nacken heiß; sie konnte sich diesen Zustand durchaus nicht erklären. Plötzlich fragte er, ohne sich zu rühren, in die Luft hinein: »Glauben Sie an das Ende?«
»An welches Ende?«