»Nicht bloß an das Ende von Maria Krüdener und Igor Golowin, das ist ja gewiß. An das Ende von Rußland und Europa meine ich, an das Ende von Eisenbahn und Telegraph, von Zeitungen und Büchern, von Kunst und Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an das Ende der Menschheit, an das Ende von allem. Glauben Sie daran?«
Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete sie leise: »Ich glaube nicht daran. Ich glaube an das ewige Leben.«
»Glauben Sie an die Wiederkehr?« fragte Golowin, und sein Lächeln verdämmerte in den Schatten, die der flackernde Kerzenschein in sein Gesicht warf.
»Was verstehen Sie unter Wiederkehr?«
»Nichts kehrt wieder,« sprach er, ohne die Frage zu beachten, »und doch schreit jeder Atemzug im Menschen nach Wiederkehr. Nichts kann noch einmal sein, was gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste Verlangen im Menschen, daß es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist das Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht überwindet, ist man der Narr des Schicksals. Auch für Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie wieder, was einmal Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.«
Mit geschlossenen Augen schüttelte Maria den Kopf und sagte: »Ich weiß es so fest wie daß die Sonne aufgehn wird: er kehrt wieder.«
»Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefühl; die spricht aus Ihnen. Sie haben das Unglück gehabt, eine glückliche Ehe zu finden, sonst wären Sie ein Weib gewesen, mit dem man auf die Barrikaden gehen könnte. Schade, wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenne erniedrigt wird. Alles was edel und flugkräftig an Ihnen war, hat die Ehe in eine Kapsel gepreßt, und Sie wagen sich nicht zu rühren aus Angst, das Gehäuse zu sprengen. Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen angebracht, Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen; wozu Sie aber hätten steigen können, wenn man Ihnen die Menschenfreiheit nicht geraubt hätte, davor verschließen Sie sich. Frauen wie Sie müßten in ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe zerstört sie. Es ist als hätte man Sand in ein kostbares Uhrwerk geschüttet. Wenn dann der große Feind kommt, ist es zu spät. Der große Feind, der große Abrechnungskommissär, der Unbestechliche.«
Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer Innigkeit, der Golowin betroffen machte.
»Glauben Sie auch nicht an den großen Feind?« fragte er verdeckten Tones.
Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und antwortete nicht.