»Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?« fuhr er lauernd und seltsam spöttisch fort; »sicherlich. Sie haben ja Phantasie. Ist er nicht einnehmend? berauschend? verführerisch? Sieht er nicht aus wie ein echter Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? nicht eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte und Erforschte und Erlebte, eingedrungen aus Wollust? Die Welt ist voll von ihm. Er fegt den angesammelten Kehricht weg.«
»Ja, die Welt ist voll von ihm,« sagte Maria; »er schreit Gerechtigkeit – und mordet; er schwärmt von Bruderliebe – und mordet; er trieft von Mitleid – und mordet; er faselt von Fortschritt und Erneuerung – und mordet; er küßt und umarmt – und mordet. Er kennt kein Erbarmen in seiner – Liebe.« Sie blickte ihm noch immer in die grün funkelnden Augen. Die Kerze verlosch zischend.
Es entstand ein langes Schweigen. Maria fühlte Schwäche in den Knien, ging zu der Bettstelle und ließ sich auf die Kante nieder. Daß Golowin sich nicht rührte, war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor dem Fenster, die erste Ankündigung des Tages. Sie wagte nicht hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer geschnürt.
Auf einmal kam seine Stimme: »Sie sind so reich, daß Sie eine Nacht aus Ihrem Leben ausstreichen können. Für Sie nicht gelebt, für mich hundertfach gelebt. Ich spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es kann die nächste sein. Ist es die nächste nicht, so wird es eine andre sein. Ich kann warten.«
Maria antwortete zwanghaft, als würde ihr die Rede von einem unsichtbaren Dritten diktiert: »Es kann keine sein.«
Er sagte: »Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir können uns vergleichen ohne Rücksicht auf die kriegführenden Parteien. Es läge eine gewisse Größe darin. Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht, das viele andere überflüssig macht.«
»Ich gehöre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein Eigentum,« entgegnete Maria.
Er sagte: »Sie fühlen sehr genau die Feigheit in diesem Argument. Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar ist?«
»Auf die Frage möchte ich lieber nicht antworten.«
»Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht die Gegenwart, ist zwischen Ja und Nein kaum mehr zum Besinnen Platz.«